Regionale Filmfestivals

Orte für kulturelle Begegnungen

Ein junger Architekt aus Istanbul irrt durch das Baulabyrinth einer Stadt, das er selbst zu verantworten hat. Mit dieser Geschichte des Films Son Çıkış / Siren’s Call feiern die Türkischen Filmtage am Donnerstag, 21. März, die Eröffnung. Ein kleines Jubiläum, denn schon zum 30. Mal findet das vom Verein SinemaTürk organisierte Festival in München statt. Es ist eines von zahlreichen Filmfestivals in Bayern, die jedes Jahr wieder mit viel Hingabe von freiwilligen Helfern organisiert werden.

Son Cikis Siren’s Call

Vielfalt auf den Leinwänden

„Nach der Gründung des Dachverbands Filmstadt München sind auch dank der Förderung durch das Kulturreferat München mehrere kleine Filmfestivals entstanden“, erinnert sich Margit Lindner. Sie gehört zum Vorstand des die Türkischen Filmtage ausrichtenden Vereins SinemaTürk und ist zudem stellvertretende Vorsitzende der Filmstadt. Wie umfangreich das Angebot in der bayerischen Hauptstadt inzwischen ist, zeigt ein Blick in den Veranstaltungskalender der Filmstadt. In der Woche vor den Türkischen Filmtagen laufen gleich vier kleinere Filmfestivals parallel: Neues asiatisches Kino, die Baltischen Filmtage, die Balkanfilmtage und die Frauenfilmtage. Während der Türkischen Filmtage wird das Jugendfilmfestival Flimmern und Rauschen stattfinden, kurz danach die Architekturfilmtage. Der Verband Bayerischer Filmfestivals zählt online 21 Mitglieder auf, doch nicht alle bayerischen Filmfestivals sind in dem Verband organisiert.

Die Mitglieder von SinemaTürk kümmern sich mit viel Herzblut um die Türkischen Filmtage.

Das Filmfest München ist mit jährlich rund 80.000 Besuchern das zweitgrößte Filmfestival Deutschlands nach der Berlinale. Das DOK.fest München ist das größte Festival für Dokumentarfilm. Doch auch in den Regionen abseits der Hauptstadt haben sich viele Festivals etabliert. Da sind etwa die legendären Hofer Filmtage, von denen der Regisseur Christoph Schlingensief einmal meinte, sie hätten für den deutschen Film mehr getan „als die Berlinale, Oberhausen, München und Mannheim zusammen.“ Daneben gibt es das Fünf Seen Festival, Kurzfilmfestivals in Bamberg, Regensburg, Landshut und Diessen am Ammersee, die Musikfilmtage Oberaudorf, das Filmfestival der Menschenrechte in Nürnberg, das Filmwochenende Würzburg und die Grenzland-Filmtage Selb, um nur einige zu nennen. Grob kann man sagen, dass es in jeder bayerischen Kleinstadt mit einem Kino auch mindestens ein Filmfestival gibt.

Freiheit dank Freiwilligen

Ein solches zu organisieren erleichtert die Digitalisierung enorm. „In den Anfangszeiten haben wir die Filme noch auf VHS-Kassetten gesichtet, es gab keine Untertitel“, berichtet Margit Lindner von SinemaTürk. Heute kann die Festivalszene einfacher kommunizieren, die Vorschauen gibt es im Stream. Zumindest englische Untertitel werden gleich mitgeliefert. Weil es so viele regionale Festivals gibt, können die Filmemacher mit diesen einfach durchs Land touren. In der Regel sind besonders die kleineren Festivals von der ehrenamtlichen Arbeit von Filmbegeisterten abhängig, so auch die Türkischen Filmtage. 30 Ehrenamtler und Ehrenamtlerinnen engagieren sich für die Veranstaltung. Es gebe stets sehr viel zu tun, berichtet Margit Lindner. Das sei wohl auch ein Grund für die hohe Fluktuation der Helfer.

Tuna Kaptan: Hörst du, Mutter?

Die Mühe lohnt sich aber. Mitunter entdecken auch kleine Festivals wie die Türkischen Filmtage schon früh Talente, bevor sie einer breiteren Masse bekannt werden. So war Fatih Akins Kurzfilm „Getürkt“ schon 1997 bei den Türkischen Filmtagen zu sehen. Lange vor dem Durchbruch mit dem Spielfilm „Gegen die Wand“ also, für den es 2004 den Goldenen Bären gab. Und natürlich noch viel länger vor dem großen internationalen Erfolg des Regisseurs, dem Golden Globe für „Aus dem Nichts“ im vergangenen Jahr. Die Spezialisierung und die Förderung von Anfängern trägt mittlerweile auch Früchte, die das Festival selbst ernten kann. So wird etwa Tuna Kaptan seinen 20-minütigen Kurzfilm „Hörst Du, Mutter?“ bei den Türkischen Filmtagen zeigen. Der BR-Kultursendung „puzzl“e erzählte er aus diesem Anlass, dass Fatih Akins Vorbild ihn dazu gebracht habe, selbst Filme zu machen.

Vom Publikumsfestival über die Feier von Genrefilmen bis zur speziellen Nische sind auf bayerischen Filmfestivals alle Geschmacksrichtungen vertreten. Zu sehen gibt es auf allen vieles, was sonst nicht den Sprung ins reguläre Programm Kinos schafft. „Anfangs kam vor allem ein cineastisches Publikum, auch viele Deutsche, die etwas Exotisches sehen wollten“, erzählt Margit Lindner: „Mittlerweile sehen wir mehr jüngere Türken, die sich für ihre Wurzeln interessieren.“ Unabhängig vom Thema und Publikum gilt: Orte für besondere kulturelle Begegnungen sind die Filmfestivals immer.