Storytelling

Politische Inhalte in Instagram-Ästhetik

Wo hält sich die junge Zielgruppe im Netz auf? Für die Volontäre des Bayerischen Rundfunks und die Schüler der Deutschen Journalistenschule eine ganz klare Sache: Instagram. Deshalb haben die Nachwuchs-Medienmacher zwei journalistische Formate entwickelt, die Instagram und seine eigene Logik gezielt für die politische Berichterstattung nutzen: die News_WG und total_kommunal. Doch wie funktionieren komplexe Themen überhaupt auf Instagram – einer Plattform voller Sonnenuntergänge, Babykatzen, Beauty und arrangierter Avocados? 

Nachrichten aus der WG

„Klassische Medien passen ihre Logik oft nicht auf Instagram an“, weiß Helene Reiner. Gemeinsam mit Sophie von der Tann bewohnt sie die News_WG. Da wird ein Bild reingestellt, mit zwei Hashtags versehen und auf die große Reichweite gehofft. Nicht so bei der News_WG: Die Nachrichten-Wohngemeinschaft der BR-Volontäre bereitet Inhalte speziell für die Plattform auf, Helene und Sophie senden Nachrichten live. Beide geben den Informationen ein Gesicht, verbildlichen und verdeutlichen sie spielerisch. Natürlich ist die WG nicht die wirkliche Wohnung der beiden Frauen, manchmal übernachten sie aber tatsächlich dort – je nachdem, welches Thema gerade brisant ist.

Die News WG: Helene Reiners und Sophie von der Tann

Hinter dem Format stehen noch andere: Ann-Kathrin Wetter und Tobias Schießl. Was auf dem Kanal wie der witzige Alltag zweier Freundinnen aussieht, ist harte Redaktionsarbeit. „Es wird gerungen um jeden Satz. Bei uns herrscht das Vier-Augen-Prinzip“, sagt BR-Redakteurin Katrin Pötzsch, die das Format zusammen mit den Volontären entwickelt hat.

Passieren Fehler, kommt per Direktnachricht von den Nutzern Protest. Aber auch Anregungen zu neuen Themen und Lob. Die Zielgruppe in der Altersgruppe zwischen Zwanzig und Dreißig ist mitteilungsfreudig und genießt die direkte Möglichkeit zum Austausch. Und auch jüngere User haben sich schon bedankt, dass sie endlich im Sozialkunde-Unterricht mitreden können.

Komplizierte Sachverhalte erklären Helene und Sophie im Kontext WG-Leben. Als fiktive WG-Polizei etwa sperrt Helene Sophie wegen des Verdachts, den Kühlschrank geplündert zu haben, ins Bad, um das Polizeiaufgaben-Gesetz zu verdeutlichen. Im Umfeld der WG sind die Redakteurinnen der Lebenswirklichkeit ihrer Zielgruppe nah: Das WLAN funktioniert nicht – WG-Klassiker. Und eines der typischen Alltagsprobleme, die Helene und Sophie zum Aufhänger nehmen, um einen Sachverhalt zu erklären. Genervt hängt Helene über ihrem Laptop. Kein WLAN, der Handy-Hotspot funktioniert nicht und das Datenvolumen auf dem Stick ist schon aufgebraucht. Aber wer kümmert sich eigentlich ums Netz? Welche Partei hat das Thema „Digitalisierung“ im Wahlprogramm? Was muss sich mit dem Internet in Bayern ändern? Helene erklärt es mit einer Instagram-Story.

Ruhe im Feed

„Wichtig bei Instagram ist ein Kanalversprechen“, sagt Pötzsch. Je klarer dieses für die User ist, desto besser. Sind die Fotos beliebig, bunt und nicht angepasst, verlassen die User den Kanal, weil sie sich nicht auskennen. User-Verlust gibt es aber auch, wenn der Kanal zu aalglatt, wie aus einem Studio heraus, gestaltet ist. Der Algorithmus belohnt, wenn Menschen und Gesichter zu sehen sind. Dann wird die Reichweite hochgeschraubt und die Inhalte werden mehr Usern angezeigt.

Den Menschen interessiert, was ihm ähnlich ist, weiß Pötzsch. „Tiere, Katzen funktionieren. Menschen sind noch besser.“ Auf dem Feed der News_WG sind deswegen auch – bis auf wenige Ausnahmen – Helene und Sophie zu sehen. Zur Landtagswahl schmissen sie eine Wahlparty mit Politik-Spielen und Tortendiagrammen, tatsächlich Kuchen mit gefärbtem Teig, um die Sitzverteilung zu zeigen. Zum zweiten Brexit-Referendum machten sie eine Tea-Party und erklärten mit Shortbread und ausgeschnittenen Karten die Hintergründe.

Kommunalwahlen, erklärt für Erstwähler

Ein anderes Beispiel für ein politisches Format auf Instagram entwickelte die Klasse 56 A der Deutschen Journalistenschule in München. Als digitales Abschlussprojekt ihrer Ausbildung entstand das Projekt total_kommunal. Anlässlich der Kommunalwahlen 2019 reisten die Journalistenschüler in betreffende Bundesländer: Unter anderem nach Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern um mit Kommunalpolitikern, Bürgermeistern und Schülern zu sprechen.

In Jena haben sie sich mit dem Betreiber des Tanzclubs Kassablance getroffen, der von seiner Arbeit in der Jugendhilfe erzählte: Wie viel Budget die Stadtverwaltung zusteuert und wie sich die Arbeit in den vergangenen zwanzig Jahren verändert hat. In zehn Bundesländern dürfen Jugendliche mit 16 Jahren bei der Kommunalwahl ihre Stimme abgeben. Nicht so in Rheinland-Pfalz. Die Jusos wollen das ändern, die Junge Union hält dagegen. Ein Konflikt, der die Zielgruppe von total_kommunal konkret betrifft.

Mit einheitlichen Texttafeln und Videos soll Erstwählern alles rund um Kommunen und die Wahlen erklärt werden. Einfach und verständlich. „Wir hatten die Reporterteams im On. Sie waren vor Ort und berichteten von dort“, erzählt Leonie Sontheimer, die zusammen mit Okan Bellikli die Chefredaktion übernommen hat. Die Journalistenschüler sind durchschnittlich zehn Jahre älter als die Zielgruppe Erstwähler.“Ich habe einen kleinen Bruder, der ist vierzehn”, sagt Leonie. Ihn und seine Freunde hat sie nach Feedback gefragt. “Optimal wäre, wenn man sich eine Stichproben-Gruppe von Erstwählern sucht”, sagt sie. Das sei extrem wichtig, um die Zielgruppe auch tatsächlich zu erreichen und mit auf die Reise zu nehmen

Wo sehen Sie Politik vor Ihrer Haustür? | Christopher Denda

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Nahbarkeit durch Identifikation

Instagram-Expertin Katrin Pötzsch weiß: Durch die Personalisierung von politischen Nachrichten können User sich besser identifizieren. Sie werden nicht von der Informations-Flut überschwemmt, die Themen werden gefiltert, aufbereitet und durch Identifikationsfiguren wie Helene oder Sophia transportiert. Social Media habe die Massenmedien verändert, so Pötzsch. Journalismus für diese Plattformen funktioniere bedürfnisorientierter und spreche vor allem die Zielgruppe zwischen Zwanzig- und Dreißigjährigen an. Eine Zielgruppe, die sich auch nicht davor scheut, nachzufragen, wenn sie etwas nicht versteht, oder über Kommentare in die Diskussion zu treten.

Das Team von der News_WG wird nun für seine erfolgreiche Arbeit belohnt: Mit einer Nominierung für den Social-Media-Preis „Die Goldenen Blogger“ in der Kategorie „Bester Instagram-Account des Jahres. Die Preisverleihung ist am 28. Januar 2019.