Interview

Von den USA gelernt – DJS-Leiterin Henriette Löwisch

Glaubwürdigkeit, Transparenz und Podcasting: Drei Akzente, die Henriette Löwisch in der Ausbildung setzt, seitdem sie vor einem guten Jahr die Leitung der Deutschen Journalistenschule (DJS) übernommen hat. Inspiration hat sie vor allem aus den USA mitgebracht, wo sie zuvor acht Jahre Umwelt- und Wissenschaftsjournalismus gelehrt hat. Mit ihren Vorhaben ist sie aber noch längst nicht am Ende angekommen.

Frau Löwisch, welche ihrer Vorhaben konnten Sie im vergangenen Jahr schon umsetzen?

Henriette Löwisch: Die DJS, die ich angetroffen habe, ist eine ganz tolle Schule. Es gibt keinen Innovationsstau, sondern es geht darum, Akzente zu setzen. Bei mir spielt da die Erfahrung aus den USA eine große Rolle. Dort fragt man sich gerade mehr denn je, was der Journalismus leisten muss. Wie sichert man Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Faktentreue?

Henriette Löwisch. Foto: Franziska Baur

Henriette Löwisch. Foto: Franziska Baur

Wir haben jetzt eine Unterrichtseinheit, die heißt „Fact checking“. Eine Dokumentarin des „Spiegel“ erklärt den Schülerinnen und Schülern, wie sie arbeitet und wo man aufpassen muss. Außerdem machen die Schüler einen Kurs in Digital-Verifikation. Dabei lernen sie viele aktuelle Tools kennen, und das ist unbedingt nötig. Erstens, weil die Technologie im Fälschen immer besser wird und zweitens, weil immer mehr User-generated Content in den Medien verwendet wird. Außerdem haben wir mit den DJS-Alumni eine Initiative gestartet, in der sie an ihre ehemaligen Gymnasien und Realschulen gehen, um über ihre Arbeit zu sprechen. Damit haben wir etwa 8.000 Schüler erreicht. Das hat alle unsere Erwartungen übertroffen.

Gibt es noch weitere neue Themenfelder?

Löwisch: In den USA gibt es einen Podcasting-Boom, gerade bei jüngeren Leuten. An der Journalism School in Montana haben sich immer mehr Studierende für solche Kurse angemeldet. Da dachte ich, das können wir auch an der DJS ausprobieren. Mittlerweile haben wir schon zwei Podcast-Staffeln umgesetzt.

Worum geht es in den Podcasts?

Löwisch: Die neue Staffel heißt „Aufbruch“ und erzählt ganz unterschiedliche Stories von ersten Malen. Beispielsweise die eines Bankräubers im Saarland, der einen dummbeutlerischen Bankraub macht und sofort geschnappt wird. Oder die Geschichte einer Frau, die immer wieder an Krebs erkrankt und eine Initiative gestartet hat, Krebskranke an die Natur zu bringen. Es gibt immer ein Leitmotiv, und dann sind es stark auf Protagonisten fokussierte Geschichten. Das muss aber nicht so bleiben. Wir experimentieren auch stark mit dem Format.

War es eine Herausforderung, dieses neu aufkommende Feld in die Ausbildung aufzunehmen?

Löwisch: In Deutschland gibt es kaum Storytelling-Podcasts wie „This American Life“ oder „Radiolab“. Wie findet man Dozentinnen und Dozenten, die Erfahrung mit diesem Format haben und dann auch noch vermitteln können, wie es geht? Das war nicht einfach. Aber ich denke, es ist uns gelungen. Und ich habe das Gefühl, dass die Schüler das unglaublich gerne machen. Sie bewerben die Folgen, machen Marketing und bringen sie auf iTunes und Spotify.

Was ist von Ihren anfänglichen Plänen noch offen geblieben?

Löwisch: Wir experimentieren noch mit der Frage, wie man Journalisten im Bereich Social Media ausbilden kann. Das ist sehr schwierig, weil es ein so komplexes Feld ist und sich eben nicht nur im Marketing erschöpft. Wir haben dafür den Ansatz gewählt, keinen festen Lehrplan vorzugeben. Die Schülerinnen und Schüler bekommen zu Beginn einen Impulskurs und dann eine konkrete Aufgabe. Wenn sie im Laufe der Erfüllung dieser Aufgabe an Punkte stoßen, an denen sie nicht mehr weiterwissen, laden wir sehr schnell Dozenten ein, die ihnen genau das versuchen beizubringen.

Haben Sie ein Beispiel?

Löwisch: Die Schüler müssen jeden Morgen eine Leseempfehlung teilen und sie mit dem Hashtag #djsdaily versehen. Einer der Schüler kam auf die Idee, diesen kuratierten Feed über einen Bot zugänglich zu machen. Wir haben daraufhin eine Dozentin angeheuert, die ihnen gezeigt hat, wie man Twitter-Bots baut. Mit doppeltem Lerneffekt: Die Schüler haben nicht nur eine neue Fertigkeit hinzugewonnen, sondern wissen nun auch, wie einfach es auch für Leute mit sinisteren Gründen ist, solche Bots aufzusetzen.

Sie haben sich auch vorgenommen, den Bereich der digitalen Entwicklung stärker in die Ausbildung einfließen zu lassen. Ist der Bot ein Beispiel dafür?

Henriette Löwisch. Foto: Franziska Baur

Henriette Löwisch. Foto: Franziska Baur

Löwisch: Nein, das ist nur eine kleine Übung. Die Schüler machen jetzt ein Abschlussprojekt, wofür sie ein digitales Produkt entwickeln. Im Moment können sie noch ganz frei entscheiden, ob sie eine Multimedia-Website oder etwa einen Podcast-Channel aufbauen. Voraussetzung ist nur: Das Produkt muss digital ausgespielt werden, und sie müssen selbst Geldgeber und Abnehmer für das Konzept finden. Im ersten so entwickelten Projekt geht es um „70 Jahre Grundgesetz“. Es besteht aus Hör-, Lese- und Quizformaten. Dafür haben sie 5.000 Euro von Stiftern bekommen, die sie selbst überzeugt haben.

Wenn Sie sich ansehen, wie sich die Anforderungen an Journalisten gewandelt haben: Was waren die wichtigsten Fähigkeiten, die ein junger Journalist mitbringen musste, als Sie selbst die DJS absolviert haben und ohne welche Fertigkeiten kommt man heute nicht mehr aus?

Löwisch: Damals stand im Vordergrund, in seinem Medium handwerklich sehr solide arbeiten zu können und für eine objektive und faire Berichterstattung zu stehen. Weil Fairness und Faktentreue heute nicht mehr selbstverständlich sind, haben diese Qualifikationen vielleicht sogar noch an Bedeutung gewonnen. Heute geht es aber auch darum, auf allen Kanälen gut erzählen zu können. Es ist klar, dass sich letztlich jeder oder jede den Bereich aussuchen muss, in dem sie oder er glänzen kann. Aber alle unsere Absolventen können in eine Social-Media-, Fernseh-, Radio-, Print- oder Onlineredaktion gehen. Das ist schon eine hohe Anforderung. Außerdem sind unternehmerisches Denken und technische Fähigkeiten gefragt. Als ich in den 1980er-Jahren selbst auf der DJS war, haben wir anfangs noch auf der Schreibmaschine getippt.