Cosplay

„Hilf mir mit der Perücke, dann baue ich dir eine Nebelmaschine“

Seit vier Jahren ist Mirjam Piuk unter dem Namen Tingilya Cosplay als Cosplayerin aktiv, näht und baut Kostüme, um in die Haut ihrer Lieblingsfiguren aus Spielen oder Serien zu schlüpfen. Diese präsentiert sie auf Conventions oder Messen. Etwa am Stand von THQ Nordic, für deren Titel Darksiders III Mirjam die Figur Uriel auf der gamescom 2018 verkörperte. Inklusive beweglicher LED-Flügel. Mit dem MedienNetzwerk Bayern hat Mirjam über Cosplay als Passion und Geschäftsmodell gesprochen – und warum sie sich ihre Inspiration manchmal gerne auch von Handwerkerforen holt.

Miriam, wie bist du zum Cosplay gekommen?

Mirjam als Uriel. Foto: Katrin Baumer

Mirjam Piuk: Das hat als reines Hobby angefangen. Ich habe früher viel World of Warcraft gespielt. Über den Livestream der BlizzCon in Kalifornien bin ich dann darauf gekommen, dass es Leute gibt, die Figuren aus Spielen nachbauen und auf einer Bühne präsentieren. Das fand ich unglaublich spannend und wollte es auch ausprobieren. Deshalb habe ich mich bei einem Contest von Blizzard (Anm. der Red.: Entwickler der Spielreihe World of Warcraft) angemeldet – mit einem Feendrachen in humanoider Version. Das hieß für mich: Große Flügel und viel Licht. Ich habe also gleich am Anfang ein bisschen Gas gegeben. Es war eine tolle Erfahrung und eine großartige Community.

Cosplay ist wahnsinnig vielfältig. Ich arbeite in der Realität in der Gastronomie, für mich ist das also ein richtig guter Ausgleich. Früher wollte ich Maskenbildnerin werden, meine Mutter riet mir aber, erstmal etwas zu machen, mit dem man auch Geld verdienen kann. Schließlich habe ich meinen ursprünglichen Wunsch aus den Augen verloren. Cosplay hat mir dann so viel wiedergegeben, so viel Lebensfreude, dass ich es nicht mehr sein lassen konnte.

Nähen, basteln, Flügel bauen und mit Licht und Technik experimentieren  – woher kannst du das alles?

Piuk: Die Grundlagen für’s Nähen hat mir meine Oma gezeigt, von ihr habe ich auch die Nähmaschine. Und meine Mutter hat mir zu Weihnachten einen Nähkurs geschenkt, damit ich mich weiterentwickeln kann. Was die Rüstungsbauten angeht, hat mir YouTube extrem viel weitergeholfen, da gibt es tolle Tutorials von anderen Cosplayern. Man darf sich aber nicht zu sehr daran festhalten, sondern sollte ruhig selber probieren und sich reinfinden. Die ersten Teile werden nie so supergeil, ich hab zum Beispiel für die Uriel-Beine insgesamt vier Stück gebaut, bis ich zufrieden war. Das wichtigste ist, nie aufzugeben und weiterzumachen, bis man zufrieden ist.

In die Techniksachen habe ich mich reingefuchst, ich wollte unbedingt, dass es leuchtet, auch schon beim ersten Kostüm. Ich arbeite viel mit Aluminium und baue die Flügelgestelle selber, drehe auch die Flügelgelenke. Dazu habe ich mir jetzt eine Drehbank und eine Fräse geholt. Um mir zum Beispiel anzueignen, wie man Motoren auf menschliche Größe holt, damit sie funktionieren, wenn meine Flügel sich bewegen sollen, habe ich viel in Modellbau- und Bastler-Foren gelesen. Aus der Cosplay-Community gibt es da noch nicht so viel Input.

Schön ist es zum Beispiel auch, Commissions auszutauschen. Ich hab zum Beispiel neulich die Perücke von einer Freundin machen lassen, weil ich’s nicht hingekriegt habe. Sich in der Community gegenseitig zu unterstützen, ist wirklich hilfreich. Zu sagen: „Hilf du mir mit der Perücke, dafür bau ich dir dann irgendwann eine Nebelmaschine.“

Füreinander da: Die Community. Foto: Katrin Baumer

Was du beschreibst, klingt, als würde man echt viel Platz brauchen …

Stimmt. Mein Wohnzimmer ist inzwischen zum Crafting-Zimmer geworden und es steht halt noch eine Couch drin. Für die groben Sachen arbeite ich in der Garage meiner Eltern. Da hat mir mein Vater vor zwei Jahren Platz eingeräumt, ich konnte einen Werktisch kaufen und die Maschinen dorthin bringen.

Meine Eltern unterstützen das alles total, waren sogar mit mir auf der ersten Convention. Da waren sie ganz begeistert und wollen immer wissen, was ich gerade Neues mache. Und wenn ich Fragen habe, hilft mein Vater mir auch mal.

Schwere Kost: Beim Anlegen der Flügel braucht Mirjam Unterstützung. Foto: Katrin Baumer

Wie lange hast du am Uriel-Kostüm gearbeitet, wie trägt sich so etwas und wie viel kostet es?

Die Bauzeit war hier zehn Wochen, aber das war ja ein Auftrag, da hatte ich einfach nicht länger Zeit. Die Rüstung an sich ist super zu tragen, aber die Flügel wiegen schon um die 28 Kilo. Was die Kosten angeht, geht das in den vierstelligen Bereich. Am teuersten ist die Technik, allein für LEDs sind 500 Euro draufgegangen.

Angefangen hast du mit dem Cosplay als Hobby – mittlerweile kann man dich buchen. Cosplay als Geschäftsmodell?

Gemeinsam mit einer Freundin betreibe ich die Website FAT-Productions, auf der wir Life Act Promotions und Kostümbau anbieten. Wir haben uns vor ein paar Jahren auf der gamescom kennengelernt und gemerkt, dass das ganz gut passt. Also haben wir beschlossen, gemeinsam was aufzuziehen, sind aber auch noch individuell unterwegs.

Gepostet von FAT-Productions am Montag, 19. März 2018

Wir haben einen Business-Kontakt auf der Website, THQ kam aber auf einer Messe auf mich zu. Sie sind auf den Stand aufmerksam geworden, den ich zusammen mit meiner Freundin Falcon Cosplay hatte, und sprachen mich an. Ich sei doch die mit den Flügeln und: „Wir planen ein neues Darksiders und suchen noch eine Uriel.“ Ob ich ein Angebot schreiben könne. Und ich dachte mir nur so: „Wow!“ Das war meine erster Auftrag in dieser Größe.

Kannst du dir vorstellen, Cosplay professionell weiterzubetreiben?

Es ist nicht leicht, Aufträge zu bekommen und vor allem, kontinuierlich welche zu bekommen. Zwar kommen immer mehr Anfragen, die Leute sind da aber zum Teil ziemlich knauserig und haben eher die Einstellung: „Das ist ja eh dein Hobby, das machst du also sowieso gern.“ Es ist also ein ständiger innerlicher Zwiespalt, aber: Klar wäre mein absoluter Traum, wenn ich wirklich vom Cosplay leben könnte. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, ohne die Kostüme zu sein.

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Uriel auf der gamescom 2018