Silicon Vilstal

„Was Kalifornien kann, kann Niederbayern auch“

Das Mitmachfestival Silicon Vilstal bringt vom 21. bis zum 23. September Gründer, Kreative und Digitalstrategen aus ganz Deutschland im niederbayerischen Holzhausen zusammen. Gemeinsam zeigen sie den Besuchern, welche Chancen der ländliche Raum für digitale Innovationen bietet.

Gegründet hat Helmut Ramsauer das dreitägige Festival „aus niederbayerischem Trotz“. Nach Berufsreisen in über vierzig Länder stellte sich allmählich ein Gefühl ein bei dem gebürtigen Geisenhausener, dessen Familie bereits seit über 300 Jahren im Vilstal verwurzelt ist. „Irgendwann dachte ich mir: Das können wir in Niederbayern doch auch.“

Helmut Ramsauer

Als Informatiker, Gründer und international tätiger Berater, der Firmen auf die digitale Erfolgsspur lenkt, weiß Helmut Ramsauer, worauf es ankommt, wenn man ein Unternehmen erfolgreich digitalisieren möchte. Die Idee, seine beruflichen Erfahrungen auf seine Heimatregion zu übertragen, kam ihm im Jahr 2016. „Ich wollte meinen runden Geburtstag ein bisschen größer feiern. Da entstand die Idee zur Initiative Silicon Vilstal.“

„Innovation made in Germany“

Was anfangs als erweiterte Geburtstagsfeier im Dorf geplant war, hat sich als jährlicher Treffpunkt für Start-ups, Digitalexperten und interessierte Besucher etabliert. Die ungezwungene Plattform, die den Austausch zwischen lokalen Unternehmern, Politikern, Medienvertretern und urbanen Gründern fördert, lockt heute internationale Referenten an die Vils und erfreut sich eines überregionalen Renommees.

Heimat für Neues

Unter dem Motto „Heimat für Neues“ sollen im September innovative Ideen mit Technik- und Digitalbezug auf dem Land auf fruchtbaren Boden fallen, wachsen und gedeihen. „Gemeinsam wollen wir die digitalen Chancen ländlicher Regionen erlebbar machen“, so Ramsauer.

Davon konnte sich etwa das Münchner Start-up HEAVN im Rahmen des Silicon Vilstal-Projekts Bauer sucht Start-up überzeugen. „Das ist ein unkompliziertes ländliches Co-Working-Format mit lokalen Gastgebern, aus dem Begegnungen und gegenseitige Lerneffekte für beide Seiten entstehen“, so Ramsauer.

Alpaccas testen die intelligenten Schreibtischlampe von HEAVN. Foto: Silicon Vilstal

Ein paar Wochen schraubten die Jungs von HEAVN zwischen Feldern, Hühnern und neugierigen Hof-Alpaccas an ihrer intelligenten Schreibtischlampe. Diese imitiert das Spektrum des Sonnenlichts dynamisch und soll die Menschen produktiver und gesünder machen. In entschleunigter Atmosphäre arbeitete das Smart-Home Start-up seine Strategie aus und stellte den Prototyp vor.

Mehr als Breitband in der Pampa

Das Programm des Silicon Vilstal Festivals 2018 haben die Veranstalter klar strukturiert und auf viele unterschiedliche Zielgruppen ausgerichtet. Besonders der erste Festivaltag verhandelt Fragen rund um die digitale Transformation: Welche Folgen hat der technologische Fortschritt für die Landwirtschaft? Welche Herausforderungen ergeben sich für die Kulturwelt? Wie verändern sich das Leben und die Arbeit auf dem Land angesichts der digitalen Transformation? Und: Wie kann die Digitalisierung der ländlichen Regionen überhaupt gelingen?

„Das Problem ist“, meint Ramsauer, „dass die Diskussion um die Digitalisierung des ländlichen Raums häufig an Entwicklungshilfe erinnert und aus einer städtischen Perspektive geführt wird.“ Außerdem gehe es meist um den Ausbau der technischen Infrastruktur, um Breitband und Glasfaser. Weniger um die Frage, inwiefern die Regionen ganz konkret von digitalen Innovationen profitieren könnten.

„Wenn die Digitalisierung der ländlichen Regionen gelingen soll, geht das nur von unten.“ Das heißt: „Die Regionen müssen den sozialen Mehrwert von digitalen Innovationen nachvollziehen können“, sagt Ramsauer. Digitale Lösungen sollten bestenfalls bei den ländlichen Herausforderungen ansetzen, die Mobilität der Bürger verbessern, zur Verkaufssteigerung der lokalen Geschäfte beitragen oder Arbeitsplätze sichern.

YouTube vom Hof?

Lena Büter

Am zweiten Festivaltag geht es vor allem um Kreativität. In Workshops und Kursen können die Besucher ausprobieren, wie sich Tradition und Brauchtum mit Digitalem und Design experimentell vermischen lassen. Mit dabei ist die YouTuberin Lena Büter. In ihrem Workshop gewährt sie einen Blick hinter die Kulissen ihres Kanals Lenas Vision, auf dem sie Interviews mit bekannten Musikern und Schauspielern veröffentlicht. Die Klickzahlen zeigen, dass Lena weiß, wie es geht: Bis zu 70.000 Aufrufe verzeichnen einige ihrer Clips.

Obwohl sie erst 20 Jahre alt ist, blickt Lena schon auf fünf Jahre Radio- und zwei Jahre Fernseh-Erfahrung zurück. Mit 18 hat sie ihr erstes YouTube-Video gepostet. Dass sich Lena das mediale Handwerkszeug bereits in so jungen Jahren aneignen konnte, hat auch etwas mit ihren ländlichen Wurzeln zu tun: „Ich komme aus einem Dorf an der Nordsee. Ich bin mir sicher: Wenn ich in einer größeren Stadt aufgewachsen wäre, hätte ich niemals die Möglichkeit gehabt, mich so früh und unbefangen im Bereich Radio, TV und Social Media auszuprobieren.“

YouTube-Workshop

Auch wenn die Grenze zwischen Stadt und Land im digitalen Raum immer weiter zu verschwimmen scheint, gibt es gerade im Bereich Social Media Unterschiede zwischen Ballungsraum und Provinz. „Zwar wird YouTube überall gesehen, aktive YouTuber sitzen aber vor allem in Städten. In Köln, München oder Berlin wundert sich niemand, wenn man sagt, dass man YouTuber ist. Auf dem Dorf wird dagegen geschmunzelt und die Leute denken sofort an Beauty-Tipps oder Gaming.“

Ihren eigenen Kanal versteht die Studentin als journalistisches Medium. „Ich mache Interviews mit Prominenten, in denen es um meine Gäste, ihre Musik oder ihre Touren geht – und eben nicht um mich selbst.“ In ihrem Workshop im Vilstal will Lena über ihre Erfahrungen berichten und Social Media-Aufklärung betreiben: Wie funktioniert YouTube? Was sind die erfolgreichsten Formate? Und: Auf was muss ich achten, wenn ich die User mit einem eigenen Kanal erreichen möchte? „Soviel vorweg: Die Follower merken schnell, wenn es einem nur um Klickzahlen geht und man nicht wirklich an den Themen interessiert ist.“

Online hilft Offline

Neugier wecken und Offenheit für Neues herstellen – das will Silicon Vilstal. Foto: Silicon Vilstal

Mit einer Ideenwerkstatt für Kinder und Familien am dritten Tag endet das Festival. Mit auf dem Programm stehen Roboter-Basteln, Rennauto-Simulatoren und e-Bike-Erlebnisstrecken. Kinder und Eltern sind eingeladen, auszuprobieren und die Vorteile der Digitalisierung selbst zu erleben. Das Ziel: Die Neugier wecken und Offenheit für Neues herstellen.

Gründer Helmut Ramsauer weiß, wie wichtig Online für Offline wird – und wie entscheidend es ist, dass ländliche Regionen die digitalen Vorteile für sich entdecken: „Durch die Vernetzung der Menschen entstehen Dinge, die früher nicht entstanden wären. Phänomene wie Crowdfunding, Online-Shops oder smarte Mobilitätslösungen bieten mehr Chancen als Risiken. Läden hätten längst schließen müssen, Kulturprojekte wären niemals finanzierbar gewesen und kommunale Mitfahrgelegenheiten hätten nie realisiert werden können. Es gibt positive Effekte auf die Offline-Infrastruktur, die es ohne Online nicht geben würde.“

 

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