Virtual Reality

Aesir Interactive: Bergwerk aus München

Die Hitze fühlen, die einem 1.200 Meter unter der Erdoberfläche den Atem raubt. Die Bedrohung spüren, weil sich die Luft um dich herum jederzeit in ein Feuerinferno verwandeln kann: Die vom WDR und dem Münchner Gamedeveloper Aesir Interactive koproduzierte Bergwerk-Simulation „Hau die Kohle aus dem Flöz“ macht ein Kohlebergwerk mit 4D Virtual Reality-Technologie erlebbar.

Kommt eher selten vor, dass die Entwicklung eines Computerspiels an akuter Explosionsgefahr zu scheitern droht. So wie beim Virtual Reality-Game „Hau die Kohle aus dem Flöz“ – oder englisch: „Meet the Miner“. Der Grund für die Gefahrenlage: „Wir wollten den Betrachter unter Tage bringen. Er sollte unmittelbar spüren, wie sich das Leben in der Zeche vor hundert Jahren angefühlt hat“, erzählt Stefan Domke. Er hat die Produktion auf WDR-Seite federführend begleitet. Die Gegebenheiten unter Tage nachvollziehbar simulieren kann nur, wer unter Tage recherchiert. Bloß war Untertagebau im Jahr 1918 ein gefährliches Geschäft, und das ist es heute noch. Aus dem Gestein ausströmendes Methan schwängert die Luft. Jeder Funkenschlag kann eine Explosion auslösen, eine sogenannte Bewetterung. „Deshalb stand das Projekt ein halbes Jahr auf der Kippe. Es war nicht klar, ob wir mit unserer Hardware da unten fotografieren, filmen und vermessen dürfen“, erzählt Domke.

Hau die Kohle aus dem Flöz: Das VR-Game entführt der Betrachter in eine authentisch nachgebaute Zeche des Jahres 1918. Foto: Aesir Interactive

Recherche unter Tage

Unten in der Zeche, etwa 1.200 Meter unter der Erdoberfläche, ist nur geprüfte Ausrüstung erlaubt. Verboten ist alles, was Feuer auslösen kann und andere Risiken birgt – wie zum Beispiel falsche Unterwäsche. „Bevor wir in die Zeche fahren konnten, mussten wir uns komplett ausziehen und präparierte Wäsche aus reiner Baumwolle und ohne Etiketten anziehen. Denn: Synthetikfasern laden sich beim Reiben statisch auf und können eine Bewetterung auslösen“, so Domke.

Die aufwendigen Recherchen waren es wert. „Hau die Kohle aus dem Flöz“ stellt eine Momentaufnahme im Leben eines Bergbauarbeiter aus dem Jahr 1918 nach – nicht als oberflächliches Spiel, sondern als körperlich erlebbare 4D-Simulation, die Augen, Ohren, Geruchs- und Gleichgewichts-Sinn beansprucht. Der Betrachter sitzt nicht tatenlos vor dem platten Monitor, sondern trägt VR-Headset, Surround-Sound und Motion Controller. So ausgerüstet, tauchen (fast) alle Sinne in eine Zeche des Jahres 1918 ab. Das Erlebnis ist in eine Rahmenhandlung mit Minitutorial und dramatischem Finale eingebettet. Wie es ausgeht, sei an dieser Stelle nicht verraten. Nur, dass der Spuk nach sechs Minuten schon wieder vorbei ist. Aber diese Augenblicke haben es in sich.

Eine der Aufgaben unter Tage: Per Motion Controller ein Bergeisen führen und damit Kohle aus dem Flöz hauen.  Foto: Aesir Interactive

Gefahr in tausend Metern

Moderner VR-Spielesoftware gelingt eine Immersion, die über das Erlebnis in konventionellen Games weit hinausgeht. Über das VR-Headset nimmt der Betrachter seine Umgebung plastisch wahr, kann per Raumklang Gespräche oder Gefahren orten. Bei „Hau die Kohle aus dem Flöz“ spürt der Betrachter das Rucken des Fahrstuhls, die Feuchtigkeit in der Luft und die Hitze unten in der Zeche.  Die Aesir-Software steuert das Spiel, und zusätzlich eine vibrierende Bodenplatte, Ventilator, Nebelmaschine und Heizelemente: also sogenannte 4D Hardware, die unter, über und neben dem Betrachter aufgebaut ist. „Die 4D Hardware von Trusted Events aus Unterschleißheim bei München ist verantwortlich für den Aha-Effekt. Die Hitze, der Wind und die Erschütterungen sorgen für ein enorm realistisches Spielgefühl“, erklärt Benjamin Fritzsche, Producer bei Aesir.

Ohne 4D Hardware und VR-Headset wäre das Erlebnis nicht dasselbe. „Erst durch VR kann der Spieler auf natürliche Weise mit seiner Umwelt interagieren und ein Teil von ihr sein, wie er es beispielsweise bei einem Browsergame nie sein könnte. Du sitzt nicht an einem PC, sondern bist im Stollen und haust die Kohle aus dem Flöz. Nicht per Mausklick, sondern mit beiden Händen und deiner virtuellen Keilhaue“, erzählt Fritzsche. Das echte Grubenwerkzeug hängt bald am Nagel: Ende 2018 schließt die Ruhrkohle AG die letzten zwei Steinkohle-Bergwerke Deutschlands. Der WDR verabschiedet sich ab dem 7. August 2018 virtuell mit sechs Medienprojekten. Sie sollen Eindrücke aus den Zechen konservieren und der Glückauf-Tradition ein Denkmal setzen.

Entscheidend für ein funktionierendes Mittendrin-Gefühl: Kameraden als Begleitung. Foto: Aesir Interactive

Bergwerk aus München

Warum ausgerechnet eine Münchener Spieleschmiede die Leuchtturm-Produktion für ein Medienprojekt aus dem Ruhrpott entwickelt? Lässt sich mit einer Mischung aus Knowhow und Zielstrebigkeit erklären – und etwas Glück. „Bayern ist allgemein bekannt als Developer Hub. Viele Studios kommen aus dem Raum München. Durch die Konkurrenzsituation muss man sich ständig auf´s Neue beweisen. Aesir ist dabei seit Jahren erfolgreich, insbesondere im Bereich VR, eine unserer Kernkompetenzen“, glaubt Fritzsche. Es musste aber erst ein WDR-Mitarbeiter im November 2017 die „Augmented World Expo“ in München besuchen; dort den von Aesir entwickelten Spiele-Prototyp „Das Boot VR“ anspielen; die virtuelle Beklemmung in der Eisenröhre eines U-Boots faszinierend finden; und sich ähnlich starke Gefühle in einer virtuellen Zeche vorstellen können, damit alles ins Rollen geraten konnte.

Der WDR suchte den Kontakt zu Aesir. Man wurde sich einig, vier Leute bei Aesir nahmen die Entwicklung auf. Das war am 4. Dezember 2017. In den Folgewochen wuchs das Team auf 15 Leute an. Bereits am 9. März 2018 war die Software-Entwicklung in Rekordzeit abgeschlossen. Auf Basis von eigenen Recherchen, über 200 Originalfotos, zeitgenössischen Bewegtbildern und detaillierten Situations-Beschreibungen auf über 30 Din A4-Seiten entstand die virtuelle Zeche des Jahres 1918. Technische Basis: Unreal Engine und Inhalte aus dem Unreal Marketplace, die bei Aesir aufwendig angepasst und neugebaut wurden. Jetzt steht „Glück Auf“ auf dem Schild vor dem Eingang zur virtuellen Zeche zu lesen, der Förderwagen ist mit Schlägel und Eisen bemalt, und die Grubenlampe taucht das Ganze in gespenstisches Licht. Mehr unter die Haut geht nur ein Besuch in der echten Zeche.

Erlebbar ist „Hau die Kohle aus dem Flöz“ auf der gamescom von 22. bis 25. August 2018.

Kostenloser Download von „Hau die Kohle aus dem Flöz“ für Steam VR, Oculus und Vive via Steam und Oculus Store.

Mehr Virtual Reality und Augmented Reality präsentiert das MedienNetzwerk Bayern auf den MEDIENTAGEN MÜNCHEN (24. bis 26. Oktober 2018) in der Immersive Media Area.