US-Web-Serien liegen im Trend – was hat Deutschland zu bieten?

Ein richtiger Serien-Junkie ist Professor Markus Kuhn nicht. Bei Breaking-Bad etwa „hängt“ er immer noch in der vierten Staffel. Trotzdem ist der Medienwissenschaftler süchtig, süchtig „nach der Erforschung und Analyse audiovisueller Fiktion“, wie er selbst sagt. Im Rahmen der Audiovisual Media Days 2014 in München spricht er über das Phänomen „Web-Serien“. Auch in Deutschland sieht er Potenzial. 

 

Markus Kuhn bei den Audiovisual Media Days 2014

Markus Kuhn bei den Audiovisual Media Days 2014      Foto: Alexander von Spreti

Gerade ist ja „House of Cards“ in aller Munde, eine Serie, die zunächst vom Video-on-Demand-Anbieter Netflix in Form einer Web-Serie ausschließlich für das Online-Streaming produziert wurde. Die Serie feiert große Erfolge, gewinnt sogar Fernsehpreise. Eine Erklärung für diesen Erfolg?

Markus Kuhn: „House of Cards“ kam genau zur richtigen Zeit. Die Serie ist sehr professionell produziert und die Figuren so prominent besetzt, dass sie sehr nah an die Standards einer guten TV-Serie rankommt. Die erste „Quality Web Series“ sozusagen, die dann auch noch Fernsehpreise gewinnt. Zündstoff für den Medien-Hype. Zudem ist die Story gut aufgebaut, sie arbeitet stark mit Ambivalenzen und mit Figuren, die in ihrer Bösartigkeit faszinieren, uns mitreißen. Das hat schon fast Shakespeare’sche Größe.

 

Seit gut drei Jahren beobachten und analysieren Sie den deutschen Web-Serien-Markt. Rund 80 Produktionen haben Sie bisher gelistet, doch noch nicht mal ein Zehntel dieser Serien sind weitreichend bekannt. Woran liegt das?

Markus Kuhn

Markus Kuhn

Kuhn: Man muss deutschsprachige Webserien aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten. Ich teile Webserien-Formate in verschiedene Produktionsgruppen ein. Da gibt es etwa das breite Feld von semi-professionellen und Amateur-Produktionen. Diese arbeiten meist mit sehr wenig Budget. Zu dieser Gruppe gehören auch Studenten oder junge Filmemacher, die sich kreativ ausprobieren möchten. Zudem gibt es auch Web-Serien-Projekte von Theatern, die einfach mal eine andere mediale Form ausprobieren wollen. All diese Produktionen setzen also nicht darauf, Geld zu verdienen, sondern wollen einfach nur Aufmerksamkeit generieren. Und dann gibt es da die ersten professionellen Produktionen wie „They call us Candy Girls“ und „Pietshow“. Diese sind von Filmproduktionsfirmen produziert – meist in Zusammenarbeit mit Social-Web-Netzwerken –, die gemerkt haben, dass es da einen neuen Markt gibt, auf dem viel passiert. Die hatten eine kreative Idee, haben diese produziert und dann gehofft, dass dies einschlägt.

 

Da würde mir spontan Christian Ulmens Web-Serie „Snobs“ einfallen.

Kuhn: „Snobs“ ist ein gutes Beispiel. Die Produzenten setzen darauf, eine Art ‚Special Interest Publikum‘ zu erreichen. Die „Snobs“ haben einen sehr eigenwilligen Humor, da muss man schon drauf stehen. Entscheidend sind die bitterbösen Wortduelle. Außerdem ist eine Hauptfigur mit Christian Ulmen besetzt, ein relativ bekanntes TV-Gesicht. Alles in allem hatte die Web-Serie also sehr gute Startbedingungen. Leider war sie aber vor allem auf der Telekom-Streaming-Seite „3min.de“ zu sehen. Die Plattform war in Deutschland relativ einzigartig, wurde dann aber nach nur zwei Jahren geschlossen. Meiner Meinung nach viel zu früh. Für viele Web-Serien gibt es nun keinen Ort mehr.

 

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Also brauchen wir in Deutschland einfach nur eine neue Anbieter-Plattform für Web-Serien?

Kuhn: Genau. Eigentlich lautet die Hauptfrage: Wo ist der Anbieter, der das Vakuum füllen kann? Wo gibt es den, der genug bündelt, dass all die kreativen Konzepte nicht einfach so im Netz verpuffen? Zudem gilt es, für den Inhalt und die Machart einer Web-Serie einen Zwischenbereich zu schaffen, der weder zu ambitioniert, noch zu amateurhaft ist. Es gibt in Deutschland in der Tat bereits eine Vielzahl an Produktionen, die anfangs eine gute Idee für eine kreative Web-Serie hatten, diese dann aber nicht konsequent zu Ende geführt haben.

 

Aber dann drehen wir uns ja im Kreis: ohne guten Content keine Plattform.

Kuhn: Deswegen verweise ich ja stark auf den geschickten Kompromiss zwischen den Tugenden guten Erzählens und der Nähe zum Web 2.0. Eine Web-Serie sollte bei aller Professionalität nicht vergessen, alle Möglichkeiten zu nutzen, die gerade diese Darstellungsform bietet: Nähe zum Zielpublikum, Vernetzungsmöglichkeiten im Netz, wie zum Beispiel mit YouTube oder in Form von Fanaktivitäten, die Verknüpfung mit User Generated Content. Sehen Sie, auch in Amerika sind die wenigsten Webserien so gut wie „House of Cards“. Deshalb braucht man ein individuelles Konzept, die richtige Mischung. Wenn man nun in Deutschland eine relevante Story etwas aufwendiger verfilmt, diese ein bisschen spannungsorientierter gestaltet und ein bisschen kreativer erzählt als in herkömmlichen deutschen Web-Serien und dabei das interaktive Potenzial nicht vergisst, dann ist schon viel gewonnen.