DCP 2018

So sehen Sieger aus

Der 10. April 2018 war für die rund 60 Kreativen des Giebelstädter Spieleherstellers HandyGames ein Feiertag. Nachmittags die Zusage bayerischer Fördergelder für das Aufbauspiel „Townsmen VR”. Am Abend der Sieg beim Deutschen Computerspielpreis.

Was lange reift, wird von Jahr zu Jahr besser. Das gilt zumindest für „Townsmen”, das Aufbau-Strategiespiel des Spieleherstellers HandyGames aus dem fränkischen Giebelstadt. „Townsmen” handelt von emsigen Siedlern: Holzfäller schlagen Bäume, Zimmersleute bauen Häuser daraus – Landgewinnung auf die unterhaltsame Tour. Der Spieler behält als gottähnliche Vaterfigur (hoffentlich) den Überblick. Er lenkt seine Pioniere mal hierhin und mal dorthin, so dass das Dorf wachse und gedeihe. Die Urversion dieser klassischen Aufbauidee datiert zurück in das Jahr 2002. Die Ur-Townsmen zuckelten als schwarzweiße Pixelklötze über Displays damals aktueller Nokia- und Siemens-Handys.

In der VR-Moderne angekommen

Townsmen VR: Die Aufbausimulation von HandyGames ist momentan auf Steam als Prototypversion im Early Access-Programm für knapp 10 Euro zu haben. Systemvoraussetzung: VR-Headset von Oculus Rift oder HTC Vive.

Seitdem haben wir im Kalender 16 Jahre weitergeblättert. Die Townsmen siedeln noch immer. In der neuesten Spielversion sind die kleinen Bauherren aber lustig animiert und füllen eine herrliche Welt mit Leben. Wichtigster Unterschied: Sie laden den Spieler zum Mittendrinsein ein, statt nur zum Dabeisein. Unter dem Titel „Townsmen VR” ist HandyGames´ Spielereihe in der Virtual Reality-Moderne angekommen. Der Betrachter trägt ein VR-Headset auf dem Kopf und Controller in Händen. Er verfolgt das virtuelle Aufbautreiben nicht mehr von oben herab. Er sieht sein Volk vielmehr aus der Ich-Perspektive. Er kann mit seinen Händen aktiv in die Umwelt eingreifen, kann Bäume ausreißen oder mit dem Finger böswillige Aggressoren von der Landkarte schnipsen.

Die Gewinner des Deutschen Computerspielpreis 2018 Foto: Getty Images/Hannes Magerstaedt

Dass das Ergebnis von der ersten Minute an gute Laune verbreitet, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis einer Evolution voller stetiger Verbesserungen. Die aktuellste Version der Spieleserie hat mit dem pixeligen Urahn aus dem Jahre 2002 kaum mehr als den Namen und die Basisidee gemeinsam. Das Ergebnis ist so gut geworden, dass es am 10. April 2018 gleich zweimal abräumen konnte. Am Nachmittag sagte der Freistaat Bayern über seine Förderinstitution – den FilmFernsehFonds Bayern (FFF) – zu, dass er die Weiterentwicklung des Projekts mit 300.000 Euro fördert. Am Abend desselben Tages folgte im Rahmen der Verleihung zum Deutschen Computerspielpreis 2018 die Auszeichnung mit dem Award „Bestes Gamesdesign”. Und damit weitere Fördergelder in Höhe von 40.000 Euro.

„Wir haben noch lange nicht genug“

Mitverantwortlich für „Townsmen VR” ist Christopher Kassulke, Mitbegründer des Unternehmens und zugleich dessen Sprachrohr. Er müsste am besten wissen, wie so ein Erfolg zustande kommt.

Christopher, was macht ein gutes Spiel aus? 

Christopher Kassulke

Christopher Kassulke: Ein gutes Spiel muss Spaß machen. Was Spaß macht, das definiert jeder Kunde anders. Die einen retten die Welt vor dem Bösen, andere lösen gern knifflige Rätsel. Wir entwickeln Games für jeden. Die Zeiten in denen nur die „Jugend“ spielt, sind lange vorbei. Heute sind unsere Kunden für bestimmte Titel teilweise über 50 Jahre jung und total glücklich, dass es Spiele für ihre Zielgruppe gibt.

HandyGames entwickelt seit 18 Jahren Games für Smartphones und Konsolen. Das Unternehmen zählt zu den wenigen Developern in Deutschland, die nachhaltig wachsen. Was ist das Erfolgsrezept?

Kassulke: Hart arbeiten, hart feiern. 18 Jahre hört sich für andere Märkte nach nichts an, für die Spieleindustrie ist dies ein biblisches Alter und wir haben sehr viel gelernt. Dies kann man nur mit einem ausgezeichneten Team erreichen. Dafür danke ich jedem einzelnen meiner Kollegen, die ein Teil der Reise von HandyGames sind! Ich kann eines versprechen: Wir haben noch lange nicht genug und wir lieben es hier in Bayern.

„Townsmen VR” ist ein Spiel im Wandel. HandyGames wird noch lange daran entwickeln. Erst in zwei Jahren, schätzt Christopher Kassulke, wird man die meisten der geplanten Gameplay-Elemente integriert haben. Foto: HandyGames

„Spielexperimente helfen uns beim Überleben“

HandyGames hatte noch nie Scheu vor modernen, aber kaum verbreiteten und daher wenig lohnenden Technologien wie Smartwatch und Virtual Reality. Welchen Nutzen haben Spiele-Experimente wie „Townsmen VR”?  

Kassulke: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Der Spielemarkt dreht sich alle 180 Tage. Technologien, Plattformen, Geschäftsmodelle und Genres kommen und gehen. Wir sind gerne mit dabei, wenn es um neue Technologien geht. Das Knowhow können wir für andere Industrien nutzen. Das Thema Digitalisierung und Industrie 4.0 schwebt immer im Raum, egal in welcher Branche. Hier kann von uns lernen, wer dies möchte. Spielexperimente wie „Townsmen VR“ helfen uns also beim Überleben. Anschauliches Beispiel: HandyGames war nach Unternehmensgründung im Jahr 2000 Haus- und Hoflieferant von Siemens Mobile Phones. Hätten wir uns auf diese Plattform verlassen, wären wir längst weg vom Fenster. Den Satz „Das haben wir schon immer so gemacht“, den kennen wir gar nicht.