ARD Audiothek on Air

Hören ist das neue Sehen

Die neue ARD Audiothek ist seit Anfang November am Start. Seitdem wurden zahlreiche Sendungen abgerufen – deutlich mehr als erwartet. Angesiedelt ist das Medium beim Südwestrundfunk, doch maßgeblich designt und entwickelt wurde die Plattform beim Bayerischen Rundfunk in München.

Die Fahrt ist zu Ende – das spannende Hörspiel im Radio noch lange nicht. Wer bislang nur widerwillig das Auto verließ, darf sich seit ein paar Monaten auf den Abend oder das Wochenende freuen. Denn nun lässt sich das Hörspiel zu jeder beliebigen Tages- und Nachtzeit fortsetzen. Egal, ob man es im Norden gehört hat und im Süden Deutschlands lebt. Möglich wird dies durch die neue ARD Audiothek, in die alle neun Landesrundfunkanstalten des Senders sowie die Deutsche Welle das Beste ihrer Radioprogramme einstellen.

Florian Thoma

Was so selbstverständlich wirkt, war tatsächlich eine „echte Herausforderung“, wie Florian Thoma sagt.  Der App-Entwickler, tätig in der Abteilung Softwareentwicklung und Plattformen (SEP) beim Bayerischen Rundfunk, war maßgeblich an Optik und Passform der App für Android-Geräte beteiligt. „Wir haben die App für beide Systeme entwickelt – Android und iOS. Unser Anspruch war es, die Potenziale beider Plattformen auszunutzen.“ Für die Entwicklung galt zudem, schon im Vorhinein abzuschätzen, wie die Podcasts gehört werden könnten: per WLAN von zu Hause aus, vielleicht im Zug über mal langsame, mal schnelle Verbindung oder per Download.

Was erwarten Nutzer von der ARD?

„Am Anfang haben wir uns viele Studien angeschaut. Wir sind davon ausgegangen, dass die App vielleicht weniger daheim genutzt wird, aber dennoch stationär. Und dass die Download-Funktion gerade für Berufspendler ein wichtiges Feature sein wird“, erklärt  Andrea Mittlmeier, Projektleiterin beim BR. Zudem wurden Verbraucher im User-Lab von SEP beim BR – einem Labor für Nutzer-Befragungen – die Meinung potenzieller Hörer eingeholt. „Wir haben uns gefragt, ob das, was wir uns gedacht haben, auch für die Nutzer draußen passt. Und was die Leute von der ARD erwarten“, so Thoma.

Andrea Mittlmeier

Herausgekommen ist eine klare und übersichtliche App, die den Hörer entdecken lässt, ihn über im „Fokus“ stehende Themen informiert. Unter „Sammlungen“ ganze Reihen zu Themenkomplexen präsentiert und unter „Meistgehört“ auch das, was andere Anwender schon zuvor als interessant eingestuft haben. „Die redaktionellen Empfehlungen werden von den Verbrauchern sehr geschätzt, weil sie oft auch an die Hand genommen werden wollen“, lautet ein Resümee von Mittlmeier. Sendungen lassen sich abonnieren und natürlich in verschiedenen Kategorien  wie „Doku & Reportage“, „Meinung & Kolumne“ oder „Sport“ nach Angeboten suchen. Lieblingsbeiträge lassen sich in Playlists speichern, mit Freunden teilen und über externe Geräte abspielen.

Damit Sendungen überhaupt erst die Chance haben, zu Lieblingen zu werden, wurde viel Zeit und Energie auf die Metadaten verwendet. „Wie werden die Audiodateien am besten beschriftet, mit welchem Titel versehen und mit Bild, haben wir uns gefragt“, berichtet Mittlmeier. Es habe sich gelohnt, senderübergreifend viel Arbeit in das Thema zu stecken und die Beiträge gut zu präsentieren. In jeder Landesrundfunkanstalt gebe es nun einen eigenen Metadaten-Beauftragten.

Gehört wird weniger nebenbei, sondern oft sehr bewusst

„Seit etwa zwei Jahren geht der Podcasting-Bereich wieder durch die Decke“, so Mittlmeier. Das habe auch in den Häusern für eine positive Grundstimmung dem Projekt gegenüber gesorgt.

Das Logo der ARD Audiothek

„Längere Formate ab einer halben Stunde kommen besonders gut an“, ist die Erfahrung von Joelle Ullrich, die beim SWR den redaktionellen Teil des Angebots für die Landesrundfunkanstalten betreut. „Vor allem Hörspiele wie der Radio-Tatort und Beiträge aus der Wissensreihe werden oft abgerufen. Aber ebenso ist Kurioses gefragt, zum Beispiel ,Drei Fakten über kalte Füße‘.“ Erstaunlich für die Macher auch: Aus E-Mails der Hörer geht hervor, dass die Sendungen weniger als erwartet nebenbei gehört würden, sondern oft ganz bewusst – als Alternative zum Fernsehen „und gern auch zum Einschlafen“, so Ullrich. „Studien besagen ja auch, dass die Menschen dank Podcasts und Livestreams mehr hören als früher.“

Das bestätigen auch harte Fakten: die Bilanz der ARD Audiothek nach drei Monaten. 321.000 Mal Downloads wurden gezählt – gerechnet hatte man binnen drei Monaten mit 50.000 Downloads.  5,7 Millionen Mal wurden die Audios aufgerufen. Die durchschnittliche Hördauer der Nutzer lag bei 16 Minuten.

Aktuell sind rund 650 Sendereihen abrufbar. Nicht alle Beiträge eignen sich für die Aufnahme in die Audiothek, auch technisch nicht. Und nicht alle sind ständig abrufbar. Einige verweilten dort nur sieben Tage, andere Monate, was mit Lizenzen zusammenhänge, aber auch der Entscheidung der jeweiligen Häuser. Die Zusammenarbeit über alle Sendeanstalten „hat erstaunlich gut geklappt“, so die Bilanz von Mittlmeier und Ullrich. Das Kernteam sei zwar nicht groß, aber über alle Phasen hinweg hätten rund 100 Mitarbeiter an der Entstehung der Audiothek, schätzt Thoma. Rund ein Jahr dauerte das Ganze. „Für ein solches Projekt ist das eine wirklich schnelle Entwicklungszeit.“