DLD18

„Medien haben die große Chance, wieder mit der Community verbunden zu sein“

Verantwortung, Regulierung und Bildung waren zentrale Themen auf der DLD 2018 – gerade auch, wenn es um die zukünftige Rolle der Medien geht. Unter dem Motto „Reconquer!“ sollte auf der Innovationskonferenz ein optimistischer Blick auf die digitale Zukunft zurückgewonnen werden. 

Steffi Czerny und Yossi Vardi. Foto: DLD

Die Euphorie in Bezug auf Fortschritt und Digitalisierung sei im Gegensatz zu früher deutlich weniger geworden, merkte Steffi Czerny in ihrer Begrüßung zur DLD Conference 2018 in München an. Denn was sich innerhalb der letzten Jahre deutlich zeigte: Die tiefgreifenden Veränderungen der Digitalisierung bringen Herausforderungen mit sich, die neue Spielregeln brauchen. Spielregeln, die erst noch definiert werden müssen.

Elliot Schrage. Foto: DLD

Bereits im Motto „What’s next“ im letzten Jahr schlug sich die nachdenklichere Stimmung auf der DLD nieder und wurde 2018 weitergeführt – wobei das Motto „Reconquer!“ durchaus optimistisch gemeint ist: Nicht als Kampfansage, sondern als Aufforderung zum Innehalten, um sich auf Werte zu besinnen.

„Wir öffnen Pandoras Büchse und finden eine Black Box, die nur ein paar Leute bedienen können: Experten“, so Czerny. „Aber im Endeffekt müssen wir uns alle für diese Zukunft entscheiden.“ Was auch bedeutet, dass die Probleme aus der geöffneten Büchse gelöst werden müssen.

Wie lassen sich Fake News und Hate Speech verhindern, wie Cybersecurity gewährleisten? Wie lässt sich die Angst vor den weitreichenden Auswirkungen großer Veränderungen nehmen? Die Angst, im Job von einer künstlichen Intelligenz ersetzt zu werden etwa. Oder keine Macht über die eigenen Daten zu haben. Das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen, so waren sich die Speaker auf der DLD18 einig, sei Aufgabe für Politik und Plattformen, aber auch für Unternehmen.

Foto: DLD

„Unser Job ist es, die Community zu schützen“

So merkte Elliot Schrage, Vice President of Public Policy and Communication bei Facebook, in seiner Keynote an: “There is an environment of skepticism.” Überraschend demütig gestand er ein: Facebook müsse ganz klar mehr tun und besser werden, wenn es um das Identifizieren von Fake News und das Aufspüren und Unterbinden von Fake Accounts geht. Die Herausforderung sei vor allem, die richtigen Standards definieren: “Facebook is not a digital wild west”, so Schrage.

Eine Regulierung für Hate Speech und die schnellere Bearbeitung gemeldeter Beiträge auf Facebook und Twitter soll das sogenannte Netzwerkdurchsetzungsgesetz gewährleisten, das seit dem Oktober 2017 in Kraft ist – und ebenfalls ein Thema auf der DLD-Bühne. „It’s a shame that a law has a company like Facebook force to do this“, sagte Anke Domscheit-Berg, Abgeordnete im Deutschen Bundestag. Das Gesetz selbst sieht sie als problematisch an: Moderatoren von Plattformen wie Twitter oder Facebook haben nur 30 Sekunden Zeit, um zu entscheiden, ob ein gemeldeter Beitrag gegen das Gesetz ist, gibt Domscheit-Berg zu bedenken – wie solle da bei der Flut an zu überprüfenden Inhalten ein sorgfältiges Vorgehen möglich sein?

Dass nicht allein Plattformen oder die Politik in der Verantwortung stehen, sondern auch die Medien, klingt ebenfalls auf der DLD18 durch. So betonte Bharat Anand, Professor an der Harvard Business School und Autor des Buchs The Content Trap: A Strategist’s Guide to Digital Change, dass Medienunternehmen alte Strategien über Bord zu werfen müssen, um in der Zukunft bestehen zu können. Zentral sei heute das Netzwerk – wer die Community erreicht, gewinnt.

Vom Massenmedien-Phänomen hin zum Community Phänomen

Deshalb sei es unumgänglich, sich auf die neuen Bedürfnisse der Nutzer einzustellen, so Ananad. Erfolgreiches Beispiel seien Streaming Dienste wie Netflix und Amazon Prime, die massiv wachsen und klassische Formen von Videokonsum verschwinden lassen.

Die Fokussierung auf das Netzwerk, auf die Community, biete jedoch durchaus Chancen für die Weiterentwicklung Medienunternehmen, betonte Peter Kropsch von der dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH: Das Massenmedien-Phänomen sei durch ein Community Phänomen abgelöst worden. Das heißt, Medien erreichen zwar keine diverse Gruppe mehr, zentral sei nun eine „Peer to Peer Communication“.

Anke Domschteit-Berg (Deutscher Bundestag), Peter Kropsch (dpa), Alexander Görlach (Harvard University), Carl Benedikt Frey (Oxford University), Jeff Jarvis (CUNY) Foto: DLD

Je genauer man aber seine Nutzer kennt, desto zielgerichteter kann man mit ihnen kommunizieren und Inhalte gestalten. „Medien haben die große Chance, wieder mit der Community verbunden zu sein“, sagt Kropsch. Und glaubt man Schrage, wird Facebook auch künftig seriöse Medienanbieter als wichtige Partner sehen – trotz Ankündigung, das Unternehmen wieder mehr zu seiner ursprünglichen Form zurückzuführen: Ein Netzwerk zwischen Freunden.

Auch im Kampf gegen Fake News sieht Kropsch die Verantwortung nicht allein in der Politik oder bei den Plattformen, sondern bei den Medienunternehmen selbst: „Wir müssen Fake News bannen, aber vor allem identifizieren können. Am Ende des Tages ist Bildung der Schlüssel!“

Bildung als Schlüssel

Dieser Auffassung ist nicht nur Kropsch – denn Bildung, darüber sind sich die Speaker auf der DLD18 einig, ist Schlüssel für die digitale Zukunft weit über den Umgang mit Fake News hinaus. Alexander Görlach von der Harvard University betonte auf der Bühne: „Veränderungen können so schnell passieren, dass selbst die klügsten, gebildetsten Leute davon überrollt werden.“

Alexander Birken. Foto: DLD

Domscheit-Berg hob die Rolle der Politik hervor: Regierungen müssen den Leuten Vertrauen vermitteln. Denn Disruption benötige gleichzeitig eine soziale Revolution, weil alte Regeln nicht mehr greifen. Die Bundestagsabgeordnete hält ein lebenslanges Lehrangebot für grundlegend, wenn sich Berufsbilder zu stark ändern.

Dazu passt das neue Selbstverständnis der Otto Group, das vor zwei Jahren zum „Kulturwandel 4.0“ ausrief, um das verloren Vertrauen der Bürger in Unternehmen und Manager zurückzugewinnen. Auf der DLD diskutierte Alexander Birken mit Andrew McAfee darüber, ob Unternehmen oder aber die Regierung Verantwortung für die Konsequenzen der digitalen Transformation übernehmen müssen. Der CEO der Otto Group vertrat eine klare Meinung: “If companies don’t start taking responsibilities after understanding the dramatic societal changes, no one will.”