digina

Die Gesamtheit aller digitalen Spuren

Sabine Landes kommt eigentlich aus der Buch- und Verlagsbranche und hat dort vor allem digitale Prozesse begleitet  – etwa bei Random House. Seit dem Sommer 2015 mit Dennis Schmolk das Informationsportal und Weblog digital.danach. Dieses befasst sich mit der Frage, was die Digitalisierung mit dem Themenkomplex Tod und Trauer macht: Was passiert mit digitalen Nachlässen? Außerdem veranstaltet sie die erste deutschsprachige branchenübergreifende Fachkonferenz zum digitalen Nachlass digina. Ein Interview über digitale Existenzen, wie wir sorgsam damit umgehen und was passiert, wenn wir nicht mehr da sind. 

Wie bist du von der Buchbranche auf das Thema digitaler Nachlass gekommen?

Sabine Landes. Foto: Ludwig Harren

Sabine Landes: Das war eine Mischung aus Zufall und Neugier. Ich bin mittags mal nicht in die Verlagskantine gegangen, sondern nach draußen zum Bäcker. Dort bin ich auf eine liegengebliebene Tageszeitung gestoßen und las einen Artikel mit der Überschrift “Menschen gehen, Daten bleiben”. Das ist inzwischen zwei Jahre her, 2015, und bezog sich auf die erste Bitkom-Studie zum Thema digitaler Nachlass. Ich fühlte mich überrumpelt und dachte: Klar, sowohl beruflich als auch privat mache ich eigentlich alles digital. Aber ich hatte noch nie darüber nachgedacht, was mit den ganzen Daten und Spuren unserer digitalen Existenz passiert, wenn wir mal nicht mehr da sind.

Ich habe das Thema in meinen Freundeskreis getragen und wir haben erst einmal nach Infos im Netz recherchiert. Aber neben ein paar vereinzelten Unternehmen fanden wir keine allgemeinen Infos. Daraus ist die Idee zum Projekt digital.danach entstanden. Zu dritt haben begonnen, zum Thema zu bloggen, um eine Anlaufstelle im Netz rund um digitalen Nachlass zu schaffen. Der Blog lief so gut, dass ich angefangen habe, Vorträge zu halten. So hat sich das nach und nach vom Hobby zu meinem Hauptgeschäft entwickelt.

Durch unsere Arbeit für das Portal digital.danach ist schließlich die Idee entstanden,eine Konferenz rund um den digitalen Nachlass ins Leben zu rufen – die digina. Auf der Recherche nach Menschen aus den unterschiedlichsten Branchen haben wir viele spannende Leute kennengelernt, die viel über digitalen Nachlass erzählen konnten, die sich aber gegenseitig kaum oder gar nicht kannten. Wir wurden eine Art Schnittstelle. Da war es nicht mehr weit zur Idee, diese Menschen an einen Tisch zu bringen, um den noch fehlenden branchenübergreifenden Austausch anzustoßen.

Eine Plattform für den digitalen Nachlass

Was genau passiert auf der digina?

Sabine: Die digina ist eine Plattform, die möglichst breit für das Thema digitaler Nachlass sensibilisieren will. Im letzten Jahr hatten wir noch einen kleinen Gästekreis, vor allem Fachleute, in diesem Jahr wollen wir die Konferenz bewusst für alle öffnen. Das Thema betrifft nämlich jeden, der in einer digitalisierten Gesellschaft wie der unseren lebt. Meiner Meinung nach brauchen wir eine solche Konferenz, weil die Fragen rund um digitalen Nachlass und digitales Nachleben noch so neu, facettenreich und vielfältig sind und ganz unterschiedlichen Kompetenzen fordern. Es geht etwa um rechtliche, technische, soziale und auch gesamtgesellschaftliche Fragen.


Im Vorfeld der Konferenz findet dieses Jahr übrigens ein Barcamp statt, am 4. November im Burda-Bootcamp, zu dem ich jeden herzlich einlade. Die Ergebnisse werden dann prominent auf der Konferenz am 16. November vorgestellt und von den Experten dort weiter besprochen.

Wie erklärst du deinen Job deiner Oma?

Sabine: Das ist lustig, das habe ich sogar schon gemacht. Die erste Schwierigkeit war, dass meine Oma noch nie im Internet war, aber ich konnte ihr vermitteln, dass man mit Computer und Smartphone unglaublich viel machen kann: Handeln, einkaufen, spielen, sich unterhalten, Fotografien teilen … Da habe ich ihr erklärt, dass man auch überlegen muss, wie man diese ganzen Sachen für die Hinterbliebenen organisiert und bewahrt, ähnlich einer Kiste Tagebücher oder Fotos. Mein Job besteht also darin, den Menschen zu erklären, dass sie sich über ihre digitalen Sachen, ihr Vermächtnis, Gedanken machen sollten und ich deshalb eine Konferenz zu diesem Thema organisiere.

„Wir führen ein digitales Leben“

Was genau ist unter digitalem Nachlass zu verstehen?

Sabine: Manche verwenden den Begriff sehr eng und bezeichnen damit ausschließlich Dokumenten- und Passwortmanagement und die Übergabe an die Erben. Wir bei digital.danach verstehen das Thema aber ganzheitlich und sagen: Der digitale Nachlass ist die Gesamtheit aller Spuren, die wir digital hinterlassen. Egal, ob es Dokumente, Filme, Texte, Tonaufnahmen, digitale Arbeitsergebnisse, Code, Kunst, Blogs oder unsere Social Media Accounts sind. Eigentlich geht es noch darüber hinaus, es sind auch die Gespräche und Beziehungsgeflechte, die wir online führen und aufbauen. Dort entstehen ja auch Werte, die aber nur im digitalen Raum existieren. Wir führen heute ein digitales Leben, und wenn wir nicht mehr da sind, wird das automatisch unser digitaler Nachlass.

Welchen Nutzen ziehen die Besucher von der digina?

Jeder sollte sensibel mit den eigenen Daten umgehen, rät Sabine Landes. Foto: Benjamin Heinz

Sabine: Je nachdem, ob jemand als Privatperson oder Unternehmer, Seelsorger oder ITler hingeht, hat er eine andere Erwartungshaltung und nimmt andere Dinge mit. Wir versuchen das Programm sehr breit aufzusetzen, damit alle Facetten des Themas klar werden. Es geht nicht nur darum, technische Lösungen zu finden, rechtliche Fragestellungen zu behandeln oder sich mit fachwissenschaftlichen Problemen zu beschäftigen. Wir brauchen Input von jedem, ob Wissenschaftler, Politiker oder begeisterter Onliner – nur so können wir eine gesamtgesellschaftliche Lösung finden.

Was an unserer Konferenz auch spannend wird, ist, dass wir im gemeinsam mit den Besuchern das erste Consensus-Paper zum Thema erstellen.

Verantwortung für die eigene Identität übernehmen

Mit welchen Themen sollte ich mich auch schon als junger Mensch beschäftigen?

Sabine: Beim digitalen Nachleben geht es natürlich auch um unser gegenwärtiges, digitales Leben. So können wir selbstverständlich auch heute schon sensibel mit den eigenen Daten und der eigenen digitalen Identität im Netz umgehen. Dafür sollte im ersten Schritt ein Bewusstsein entstehen, die Verantwortung für die eigene digitale Identität übernehmen zu müssen. Nur weil wir das Smartphone oder unseren Laptop weglegen oder ausschalten, ist das, was dort passiert, nicht weniger real.

Wir sollten uns mehr beobachten: Was nutze ich überhaupt an Social Media, welche Accounts sind mir wichtig, wo bewege ich mich im Digitalen alltäglich, wo schaffe ich vielleicht Werte. Es gilt, eine selbstbewusste Souveränität für die eigenen digitalen Hinterlassenschaften zu entwickeln.

Mit wem würdest du gerne mal ein Bier trinken?

Sabine: Mit einer Referentin, auf die ich mich schon wahnsinnig freue: Agnieszka Walorska, eine Unternehmerin aus Berlin, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigt und keine Scheu vor dem Thema Tod hat.

Wo kann ich dich im nächsten Monat auf einer Veranstaltung treffen?

Sabine: Als nächstes auf dem Zündfunk-Netzkongress in München, dann natürlich auf unserer digina im November und im Januar im JOSEPHS in Nürnberg.

 

Die digina findet am Donnerstag, 16. November 2017 in München statt. Zur Website