Immersive Media Day

Wie das alte Rom zu neuem Leben erweckt wird

Was können die neuen Technologien? Und was können Virtual Reality oder Augmented Reality für Unternehmen und Medienhäuser bedeuten? Fragen wie diesen widmet sich der Immersive Media Day des MedienNetzwerk Bayern am 25. Oktober 2017 im Rahmen der Medientage München. Zu den Rednern gehört auch Maria Courtial vom Studio Faber Courtial – Experten für 3D, VFX und Virtual Reality. So hat das Unternehmen binnen eines Jahres das alte Rom in drei verschiedenen Zeitepochen zu neuem Leben erweckt. Maria Courtial wird darüber berichten, was das Unternehmen in Sachen Dokutainment und VR heute schon kann. Und wo die Reise hingehen wird.

Frau Courtial, Ihr Unternehmen hat sich auf „große Szenen“ spezialisiert. Was gehört zum Repertoire des Studios faber courtial?

Maria Courtial. Foto: faber courtial

Maria Courtial: Wir setzen wunderbare große, geschichtliche Themen um, etwa Städte der Vergangenheit. Ein wichtiges Projekt, das wir vor nicht allzu langer Zeit fertiggestellt haben, war das alte Rom in drei Zeitphasen: Von den Anfängen der Kaiserzeit bis hin zur Renaissance.

Wie lassen Sie solche Welten entstehen, was bedarf es dafür?

Courtial: Je nachdem, ob wir für das Fernsehen oder Museen arbeiten, müssen wir sehr genau Gebäude, Landschaften oder auch Tiere rekonstruieren. Dabei bedienen wir uns der Fachliteratur, recherchieren im Internet und lassen uns von Experten beraten. Dann bauen wir im Computer 3D-Modelle,  die wir mit der virtuellen Kamera inszenieren.

Wieviel Arbeit steckt darin?

Courtial: An den drei Zeitphasen Roms, die jeweils einen drei- bis vierminütigen Film ergeben, haben insgesamt zehn Mitarbeiter ein ganzes Jahr lang gearbeitet.

Das klingt aufwendig. Zugleich werben Sie dafür, dass Sie auch kostengünstig produzieren können. Wie geht das zusammen?

Maria Courtial: Der Aufwand war riesig. Ein wichtiger Punkt, der unser Studio ausmacht, ist, dass über die Jahre komplette Settings entstanden sind. Diese Bausteine pflegen wir in einem Archiv, auf das wir bei Bedarf zurückgreifen können. Das ist auch möglich, weil wir als Büro vergleichsweise viele festangestellte Mitarbeiter beschäftigen – und das Know-how damit bei uns bleibt. So wie in der realen Welt Dinge gebaut werden, so haben wir in unseren Computern bereits Häuser unterschiedlicher Epochen, Vulkanausbrüche, den menschlichen Körper. Das sind unsere Werkzeuge. Bei jedem Film schauen wir uns genau an, was schon vorhanden ist und was wir neu bauen müssen. Über die Jahre ist so eine stringente Bearbeitungskette entstanden, die uns ein effizientes Arbeiten möglich macht.

Die Geschichten von Städten erlebbar machen

Welchen Know-hows bedarf es noch, um einen guten 3D- oder VR-Film zu drehen?

Wilder Planet. Ein projekt von faber courtial. Foto: faber courtial

Courtial: Die Städte, die Geschichten müssen wirklich erlebbar werden, Emotionen freisetzen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Lichtsetzung. Das war früher gar nicht so einfach, dazu gehörte eine gewisse Begabung – zu wissen, dass Lichtquellen auf Wandflächen auch reflektieren. Oder nicht nur einen Punkt hell auszuleuchten und daneben blieb es grottenschwarz. Die heutigen 3D-Programme sind auf die physikalischen Gegebenheiten eingestellt, trotzdem ist es ein kreativer Prozess. Ein anderer wichtiger Punkt ist natürlich die Kameraführung, die aus erstellten 3D-Settings etwas Besonderes zaubert.

Wo liegt der Unterschied, einen 3D- oder VR-Film zu drehen?

Courtial: Von einer kompletten 3D-Animation zur Virtual Reality ist es tatsächlich nur ein kleiner Schritt. Noch bevor diese Technologie aufkam, haben wir uns überlegt, wie sich dies realisieren lassen könnte. Wir hatten Überlegungen, eine riesige Kugel zu konstruieren und diese mit Beamern zu bestücken. In der Kugel sollten die Zuschauer stehen und in alle Richtungen schauen können. Als mit der Oculus die Zeit des VR begann, waren wir getrieben davon, in diese Welt einzutauchen, diese technisch zu ermöglichen, auch außerhalb der Echtzeit-Games-Welt. Wir haben damals zusammen mit der Universität von Glasgow einen Rendershader für den dreidimensionalen VR-Raum entwickelt. Ende 2013 gab es hier noch keine Standard-Lösungen. Mittlerweile sind diese in jedem 3D-Programm integriert.

Was hat sich im Studio Faber Courtial seitdem getan in Sachen VR?

Courtial: Wir haben mittlerweile auf diesem Gebiet drei sehr ausgefeilte Projekte gemacht, jedes mit seinen eigenen Herausforderungen. Dafür haben wir viele Auszeichnungen erhalten, was uns sehr gefreut hat. Für die „Gladiatoren im Kolosseum“ haben wir eine eigene Realkamera entwickelt, die es uns erlaubt, Personen in Stereo-3D auch sehr nah aufzunehmen. Stereo-3D beruht auf dem gleichen Prinzip wie unsere beiden Augen funktionieren. Ein Objekt weiter vorne ist dann stärker zueinander verschoben als eines im Hintergrund. Damit können wir eine Tiefeninformation vermitteln, die Zuschauern das Gefühl gibt, dass sich diese Person auch wirklich ganz in ihrer Nähe aufhält, ein sehr intensiver Effekt.

Die Zukunft: Eine stärkere Verknüpfung von VR und AR?

Sie gehören zu den Pionieren der Branche. Im nächsten Jahr kann Ihr Unternehmen sein 20-jähriges Bestehen feiern. Wie kamen Sie überhaupt zum Thema 3D?

Die Büroräume von faber courtial. Foto: faber courtial

Courtial: Mein Mann und ich haben vor über 20 Jahren begonnen, uns damit zu beschäftigten. Wir haben beide Industriedesign studiert. Damals gab es noch keine Studienrichtung 3D oder Mediendesign. Für unsere Projekte haben wir angefangen, am Computer Designentwürfe in 3D zu erstellen. Mein Mann ist ein echter Computerfreak. Aber die Renderprozesse haben damals noch ewig gedauert. Während unserer Praktika in Designbüros fand man es spannend, dass wir die Entwürfe schon so realistisch zeigen können. Nach den ersten Jahren der Selbständigkeit mit Projekten im Design, der Architektur und der Industrie wollten wir zusätzlich in den filmischen Bereich. Mit einer historischen Projektidee und ersten  Animationssequenzen hatten wir uns damals beim Hessischen Rundfunk vorgestellt – und erste Aufträge für 3D-Animationen erhalten. Und das ist auch heute unser Spezialbereich: Geschehnisse – sei es in der Geschichte oder Zukunft – erlebbar machen. Im Film, in Dokumentationen, in Ausstellungen.

Wo geht der Trend hin?

Courtial: Die wohl spannendste und natürlichste Entwicklung wäre eine stärkere Verknüpfung von VR und AR. Wir könnten uns Brillenmodelle vorstellen, mit denen der Kontakt zur realen Welt gegeben ist, die aber zugleich ein sehr tiefes Eintauchen in die virtuelle Welt möglich machen.