SZ.de

„Mit 08/15-Nachrichten können wir keinen Blumentopf gewinnen“

Seit Januar 2017 ist Julia Bönisch neben Stefan Plöchinger Chefredakteurin von SZ.de. Wie genau ihre Aufgaben aussehen, was man mitbringen muss um in ihrer Redaktion zu arbeiten und warum es sich auf dem Oktoberfest gut netzwerken lässt, erklärt sie im Interview mit dem MedienNetzwerk Bayern.

Wie erklären Sie Ihrer Oma, was Sie beruflich machen?

Ich bin für die Redaktion verantwortlich und sorge dafür, dass alle guten Journalismus machen – im Internet.

Als Sie die Stelle als Chefredakteurin von SZ.de angetreten haben, gab es sehr positive Reaktionen. Glauben Sie, Sie haben es als Frau schwerer in der Branche?

Julia Bönisch. Foto: Bastian Lindner

Leider glaube ich schon, dass es für Frauen nach wie vor schwerer ist. In verschiedenen Runden bin ich die einzige Frau, da herrscht immer noch ein deutlicher Männerüberhang. Im Onlinebereich ist das besser als etwa im Printbereich. Mein Job bringt es allerdings mit sich, dass ich sehr viel mit Print zu tun habe. Da musste ich anfangs als relativ junge Frau schon ab und zu dafür kämpfen, gehört zu werden.

Was sind Ihre Hauptaufgaben?

Die Redaktion und die Produkte von SZ.de so weiterzuentwickeln, dass wir mit Online-Journalismus erfolgreich sind und Geld verdienen. Dazu müssen wir vor allem auf Exklusivität und Qualität setzen.

Mit  08/15-Nachrichten können wir keinen Blumentopf gewinnen. Wir müssen jeden Tag unter Beweis stellen, warum wir besser sind als die Konkurrenz im Netz. Das fängt schon bei Nachrichten an. Wir versuchen von vornherein, einen eigenen Dreh zu finden, die Nachricht einzuordnen und nicht einfach nachzuplappern, was von den Agenturen geliefert wird. Hier zahlt sich auch die enge Verzahnung mit der Zeitung aus – wir sind eine große Mannschaft an Leuten, die ihre Expertise einbringen können.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Was mich jedes Mal stolz macht: Zu erleben, wie gut die Redaktion in Großlagen funktioniert, wie reibungslos wir ineinander greifen, wie harmonisch das Team zusammenarbeitet und wie sehr jeder bereit ist, mitanzupacken.

Wenn Sie einen Wunsch für die Redaktion frei hätten – was wäre das?

Wir sind mit der Print-Online-Annäherung noch nicht so weit, wie wir gerne wären. Wir haben zwar schon viel geschafft, aber  wir müssen die gesamte Print- und Onlineredaktion mitnehmen auf dem Weg. Und der kann eben auch mal steinig sein.

Wenn ich mir etwas wünschen könnte, hätte ich gerne viel mehr Entwickler, ein neues Redaktionssystem, das Print und Online integriert arbeiten lässt. Mir fallen viele Sachen ein – die meisten haben mit Ressourcen zu tun.

Was muss man mitbringen, um bei Ihnen zu arbeiten?

Das ist sehr vielfältig, da es so viele unterschiedliche Bereiche gibt. Ein Datenjournalist braucht andere Qualifikationen als ein Audience Editor als ein Newsdesk-Redakteur. Auf jeden Fall sollte man sich für das Digitale begeistern. Man muss Stress und Geschwindigkeit mögen, weil es auch einmal etwas hektisch zugehen kann. Ansonsten sind natürlich alle Tugenden wichtig, die einen guten Journalisten ausmachen: Die Fähigkeit, sich überraschen zu lassen, sich nicht zu früh festzulegen, neugierig zu sein und Ideen mitzubringen. Gerade auch, was neue Formate angeht, etwa für Smartphones.

Mit wem würden Sie gerne im Aufzug stecken bleiben?

Ich bin  nicht so scharf darauf, im Aufzug stecken zu bleiben. Sollte es dazu kommen, hätte ich gerne die Queen mit dabei und würde mit ihr über die jüngere europäische Geschichte sprechen.

Auf welcher Veranstaltung kann man Sie diesen Monat treffen?

Zum Beispiel auf der Bits & Pretzels als Table Captain. Das habe ich im letzten Jahr bereits gemacht  und hatte großen Spaß. An meinem Tisch kamen interessante Menschen zusammen, zum Beispiel eine junge Frau, die sich als Schmuckdesignerin selbstständig machen wollte. Daneben sehr techaffine Gründer, die in eine ganz andere Richtung gingen, Leute, die skurrile Apps entwickeln. Alle von ihnen hatten einen richtigen Drive – und viel Mut. Das hat mich extrem beeindruckt. Der Austausch war bereichernd und jeder hatte viel zu erzählen. Die lockere Atmosphäre auf der Wiesn ist da sicher förderlich.

Das einzige, was ich mir in diesem Jahr für meinen Tisch wünschen würde, wären mehr Frauen. Ich hatte nur eine Dame am Tisch und insgesamt das Gefühl, dass die Veranstaltung eher männlich besetzt ist. Wenn die Leute ansonsten genauso unterschiedlich und engagiert sind wie letztes Jahr, bin ich zufrieden.