Tutzinger Journalistenakademie

Wie Technik den Journalismus verändert

Chatbots, personalisierte News-Angebote, automatisiertes Texten – was sich für einige wie das Ende der klassischen Berichterstattung anhört, kann viele Vorteile für die journalistische Arbeit bieten. Im September diskutieren Experten in der Tutzinger Journalistenakademie darüber, wie Technik den Journalismus verändert und wie Medienschaffende ihre Rolle in der Medienwelt von morgen finden.

Wo statt ausgefeilter Wort-Jonglage vor allem Kohärenz und Klarheit zählen, greifen einige Zeitungsverlage und Pressedienste schon heute auf computergenerierte Texte zurück. Bei der New York Times oder der Nachrichtenagentur AP etwa setzen mitunter Roboter statt Reporter Informationsbausteine zu Meldungen zusammen. In Sekundenschnelle spucken die gefütterten Algorithmen Berichte über Sport, Finanzen oder Wetterlage aus, die sich kaum von menschengemachten unterscheiden – das zeigt unter anderem ein Experiment der LMU München.

Die Vorteile von Tools und Technik

Kathrin Konyen, Stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands, Foto: Privat

Wer nun glaubt, dass Roboterjournalisten künftig die Arbeit der Redakteurinnen und Redakteure übernehmen, täuscht sich. Kathrin Konyen, Stellvertretende Bundevorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), sieht in den Computer-Texten keine Bedrohung für den Berufsstand. Im Gegenteil: „Auch der Roboter muss professionell betreut werden. Und: Wenn der Computer Meldungen und kurze Berichte verfasst, bleibt den Redaktionen wieder mehr Zeit für die Grundlagen eines qualitätsvollen Journalismus: Recherche, Verifizierung und Konzeptionierung.“

Bei der Tutzinger Journalistenakademie am 7. und 8. September 2017 tauscht sich Kathrin Konyen gemeinsam mit weiteren Expertinnen und Experten aus dem Medienbereich über die Vorteile von Tools und Hightech für das journalistische Arbeiten aus. Das Ziel der zweitägigen Veranstaltung „Wie Technik den Journalismus verändert“ ist nicht etwa eine Bestandsaufnahme. Den Organisatoren von der Akademie für Politische Bildung Tutzing, der Technischen Hochschule Nürnberg und dem MedienCampus Bayern geht es  um konkrete Handlungsempfehlungen.

Die leitenden Fragen lauten: Wie lassen sich die technischen Innovationen sinnvoll einsetzen? Und wie muss sich das Berufsbild von Journalistinnen und Journalisten an die neuen Herausforderungen anpassen? Auf dem Programm stehen Themen wie Künstliche Intelligenz, die automatisierte Kommunikation mit den Lesern, die Personalisierung von News-Angeboten sowie die Berichterstattung mit Mixed Reality.

Voice statt Touchscreen

Werner Wittmann, Leiter Digitale Medien beim Kicker Sportmagazin, Nürnberg; Foto: Kicker Sportmagazin

Als Leiter des Bereichs Digitale Medien beim kicker Sportmagazin gehört auch Werner Wittmann zu denjenigen, die technische Innovationen lieber ausprobieren, statt vor ihnen zurückzuschrecken. Bei der Journalistenakademie nimmt er an der Podiumsdiskussion über Chatbots und automatisierte Kommunikation teil.

Für ihn ist klar, wo die Reise hingeht: „Die Leistung von Journalisten ist es, den Zugang zu Informationen möglichst einfach und komfortabel zu gestalten. An automatisierter Kommunikation führt deshalb in den kommenden Jahren kein Weg vorbei. Ich bin mir sicher, dass sich Sprachassistenten wie Alexa gegen Display und Touchscreen durchsetzen werden.“

Informationen sollen also noch schneller und bequemer verfügbar sein. „Es geht immer um den kürzesten Weg. Wenn ein Fußball-Fan wissen möchte, bei welchem Verein Neymar zuletzt gespielt hat, geht es schneller, wenn sie oder er das Endgerät einfach fragen kann, statt ins Smartphone oder das Pad zu tippen“, erklärt Wittmann. Um beim Thema Voice-Kommunikation vorne mit dabei zu sein, arbeitet der kicker schon jetzt an einer interaktiven Anwendung.

Technik im Dienst des Journalismus

Nicht jede technische Neuerung lässt sich schon heute in den Redaktionsalltag integrieren. Gerade bei der Nutzung von Virtual Reality-Formaten wird sich erst zeigen, in welchen Fällen mit dem virtuellen Erlebnis für die Nutzer auch ein journalistischer Mehrwert einhergeht.

Denn: Technik macht nur dann Sinn, wenn sie im Dienst der Berichterstattung steht. „Wenn Technologien dabei helfen“, so Kathrin Konyen, „dass die Informationen bei den Leserinnen und Lesern ankommen, sehe ich darin eine Verbesserung im Hinblick auf unseren journalistischen Auftrag.“

„Die journalistische Ausbildung muss neu strukturiert werden“

Wer die Vorteile von Digitalisierung und Technisierung für sich nutzen möchte, sollte die neuen Tools kennen. „Wir müssen die Programme und Endgeräte schon heute verstehen und beherrschen, um über mögliche Anwendungen von morgen nachzudenken“, betont Wittmann.

Doch gerade hier scheint sich ein grundlegendes Problem aufzutun: In bestehenden Redaktionsteams spielen die technischen Optionen erst allmählich eine größere Rolle. Und auch der Blick auf die journalistische Ausbildungsstruktur verspricht nicht unbedingt die baldige Ankunft technischer Highflyer.

Auch die journalistische Ausbildung muss sich an neue Anforderungen anpassen. Foto: Akademie für Politische Bildung Tutzing

„Es ist dringend notwendig, die Ausbildungspläne zu überarbeiten“, fordert daher Kathrin Konyen. „Das Berufsbild hat sich tiefgreifend gewandelt. Journalistinnen und Journalisten müssen heute nicht nur über eine gute Schreibe verfügen, sondern die Inhalte konzeptionell in gemischten Teams planen und medial für die verschiedenen Kanäle aufbereiten können. Dafür müssen sie auch als Content Manager agieren und geschult im Umgang mit Programmen und Software sein.“

Kritik vom Nachwuchs

In der Studie „Journalistenausbildung: Quo Vadis?“ stellte der DJV gemeinsam mit der Technischen Universität Ilmenau bereits 2015 fest, dass das Ausbildungsangebot vielfach noch nicht den Anforderungen des Berufsstandes entspricht. Neben Technikkompetenz mangle es ebenso an unternehmerischem Know-How.

Auch aus Sicht der jungen Journalistinnen und Journalisten kommen diese Lehrinhalte zu kurz.  „In einigen Journalistenschulen wird der Umgang mit technischen Innovationen zwar schon gelehrt. Bei den meisten Volontariaten sieht es dagegen eher mau aus. Diese Diskrepanz“, erläutert Konyen, „wurde von den befragten Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten kritisch bewertet.“

Ein weiteres Gesprächsthema in Tutzing.

Das vollständige Programm der Tutzinger Journalistenakademie am 7. und 8. September finden Sie hier.