Spiele-Technologie

Switch weißblau

Der Hardwarerenner im ersten Halbjahr 2017: Nintendos Hybridkonsole Switch. Selbst diese nagelneue Spiele-Plattform macht aber nur so viel Spaß wie die Software dafür. Unter anderem drei Hersteller aus Bayern sorgen dafür, dass es gute Spiele für die Konsole gibt.

Der Start einer neuen Konsole wirkt wie ein Energy Drink auf Gamer und Spieleindustrie: Anregend, aufweckend und anheizend. Die Stimmungslage im Vorfeld eines solchen Ereignisses pendelt zwischen Verlangen nach dem neuen Entertainment-Format und Neugier darauf, welche Spiele dafür erscheinen. Dass Nintendo mit seinem neuen Heim- und Mobile-Hardware-Hybrid namens Switch ins Schwarze getroffen hatte, war direkt nach dem Verkaufsstart am 3. März an leergeräumten Regalen im Einzelhandel und den Marktzahlen von GfK, Media Create und SuperData zu erkennen: Weltweit wurden innerhalb von vier Wochen rund 2 Millionen Konsolen verkauft, davon rund 500.000 in Europa. Damit startete Switch erfolgreicher als Nintendos Wii-Konsole.

Ein exklusiver Club

Solche Zahlen sind erfreulich für die wenigen Developer, die am Switch-Erfolg teilhaben. Es handelt sich um einen erlesenen Kreis. Spiele für Nintendo-Hardware darf nicht jeder veröffentlichen. Stand Ende Mai 2017 haben nur wenige Gamesentwickler von Nintendo eine der begehrten Einladungen zur Spieleschöpfung auf Switch erhalten. Es geht um Qualitätskontrolle. Dass mit FDG und Shin‘en aus München sowie Handygames aus Giebelstadt gleich drei Bayern mit dabei sind, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis langjähriger, zielstrebiger Arbeit.

Das FDG-Team mit Mitbegründer Philipp Döschl (4.v.r.). Mehr über FDG ist hier zu lesen und zu sehen. Foto: FDG

„Seit wir unseren Laden vor 15 Jahren gestartet haben, war die Entwicklung von Konsolenspielen immer unser Ziel“, erzählt Unternehmens-Mitbegründer Philipp Döschl vom Münchner Gamespublisher FDG. „Wir haben über die Jahre Dutzende Entwicklerkonferenzen, Messen und Events besucht und einen hohen fünfstelligen Betrag in Reisen investiert, um die richtigen Leute zu treffen, die uns bei unserem Plan unterstützen. Irgendwann bin ich so dem richtigen Mann bei Nintendo begegnet. Dem habe ich von unserem Jump’n‘Run-Adventure Monster Boy erzählt und wie gern wir das für Switch umsetzen würden.“

 

Netzwerken ist Trumpf

Von da an hatten FDG den Fuß in der Tür. Einen Monat nach dem ersten Kennenlernen folgte eine Einladung nach Frankfurt in Nintendos Europazentrale. Dann Gespräche, Präsentationen,Treffen – und letztlich die Konkretisierung zweier Vorhaben: FDG portiert zur Jahresmitte eine Umsetzung seines zeldaesken Rollenspiel-Abenteuers Oceanhorn auf die Switch-Konsole und lässt danach das Jump’n‘Run-Abenteuer Monster Boy and the Cursed Kingdom folgen.

Was hat Nintendo überzeugt? Philipp Döschl: „Gerade für kleine Unternehmen wie uns ist es entscheidend, dass wir die richtigen Leute kennenlernen. Dann müssen wir Kontakt halten, präsent bleiben und eine offene Kommunikation pflegen.“

Fast RMX: Der futuristische Hochgeschwindigkeits-Racer des Münchner Developers Shin’en debütierte zeitgleich mit der Switch-Konsole am 3. März 2017. Screenshot: Shin’en

Software-Knowhow aus Bayern

Technische Expertise mag ebenfalls überzeugende Wirkung ausgeübt haben. Anders als viele Spielehersteller setzt das Gespann aus FDG als Produzent sowie Publisher und dem Developer Game Atelier auf keine fertige Standard-Software-Lösung als technische Basis. Man baut vielmehr ein eigenes Fundament; Das macht kurzfristig mehr Arbeit, zahlt sich aber langfristig aus: „Wir kennen die Tücken und die Vorteile, können jederzeit Anpassungen machen und die Technik perfekt auf unser Gamedesign abstimmen“, weiß Philipp Döschl.

Der Aufwand zahlt sich letztlich in einer optimierten Ausnutzung der Hardware-Plattform aus. Das bringt schöne Bilder, geschmeidiges Gameplay und einen unverwechselbaren Look mit sich. Warum das erstrebenswert ist? Davon weiß der Münchner Developer Shin‘en ein Lied zu singen.

Das gerade mal vier Mann starke Team mit Büros im betulichen Fürstenried steht seit dem 2003 veröffentlichten Nintendo-DS-Actiongame Iridion II im Ruf, effiziente Software-Technologien aus eigenem Haus mit geschmeidigem Gameplay zu verknüpfen. Bevorzugt auf Nintendo-Konsolen und jetzt eben auch auf Switch. Shin‘ens futuristischer Hochgeschwindigkeits-Racer Fast RMX startete am 3. März 2017 auf der Nintendo-Debütant und zündete vom Fleck weg ein Feuerwerk an Tempo und Grafikeffekten. Ein User-Metascore von 7.8 / 10 auf www.metacritics.com macht die Zuneigung der Spieler messbar.

Aces of the Luftwaffe: Auf Switch erscheint eine Spielversion mit neuer Story, Zwei-Spieler-Modus und weiteren Ergänzungen. Screenshot: HandyGames

Mobile-Spiele-Experten

HandyGames: Der Giebelstädter Publisher und Developer fokussiert auf Spiele für Smartphones. Foto: HandyGames

Dritter Bayer in der illustren Runde der Switch-Entwickler: Das Spielestudio HandyGames für Mobile Games aus Giebelstadt. Smartwatch, VR-Technologie und jetzt eben Switch: Der umtriebige Geschäftsführer Christopher Kassulke und seine Mitarbeiter probieren gerne Neues aus. Das Switch-Engagement der Giebelstädter macht Sinn, denn: Ein wesentlicher Reiz am Switch-Konzept beruht auf der Tatsache, dass der Benutzer die Konsole am TV-Gerät betreiben, sie jederzeit aus der Dockingstation lösen und unterwegs weiter benutzen kann.

„Was wir in 17 Jahren seit Gründung von HandyGames gelernt haben: Unterstütze jede Plattform so, dass es Sinn macht“, erzählt HandyGames-Geschäftsführer Christopher Kassulke. „Die Switch ist einzigartig. Du kannst ein Spiel nicht einfach nur portieren, sondern musst viele Kleinigkeiten berücksichtigen. Zum Beispiel muss dein Spiel am großen TV-Bildschirm genauso gut funktionieren wie auf dem kleinen Controller-Display“. Die Herausforderung für Switch-Developer bestehe darin, die Eigenheiten der Konsole zu erkennen und so zu nutzen, dass ein Mehrwert für den Kunden entsteht. „Sexy an der Switch finde ich zum Beispiel die Möglichkeit, dass man beide Stick-Controller vom Display abnehmen und ein Game zu zweit spielen kann“, so Kassulke.

Bis zum Jahresende 2017 will HandyGames eine überarbeitete Version seines retroesken Shoot‘em-Ups Aces of the Luftwaffe veröffentlichen, die der Switch-Konsole gerecht wird. Von Zwei-Spieler-Modus und neuen Gameplay-Modi ist die Rede. Man darf gespannt sein.