Digitaler Nachlass

Menschen gehen, Daten bleiben

Die Kartons mit alten Fotos oder die Tagebücher, denen wir unsere geheimsten Gedanken anvertraut haben – was wird damit, wenn wir uns nicht mehr darum kümmern können? Noch immer machen Menschen das Thema Nachlass meist an greifbaren Besitztümern fest. Dabei spielt sich das Leben längst zu einem Großteil im virtuellen Raum ab, sprich: im Internet. Hier hinterlassen Menschen viele Spuren. Doch wollen wir das? Was passiert mit dem digitalen Nachlass?

Das Bild, das sich andere von uns machen, ist vielen auch über den Tod hinaus wichtig – noch mehr in Zeiten, in denen wir es dank sozialer Medien selbst gestalten und polieren können. „Was passiert mit den Daten eines Menschen nach dessen Tod?“ Diese Frage stellen sich zunehmend auch junge Leute, weiß Sabine Landes. Sie betreibt – gemeinsam mit Dennis Schmolk – das Online-Infoportal digital.danach, das sich mit Fragen rund ums „digitale Sterben und Erben“ beschäftigt und auch Antworten gibt.

Sabine Landes. Foto: privat

„Die junge Generation hat ganze Alltagsprozesse ins Netz verlagert – Hobbys, Freunde, Verpflichtungen“, sagt sie. „Das ist keine Parallelwelt, sondern Teil unserer Realität.“ Unser digitaler Nachlass kann also beachtlich sein. Doch wenn einmal etwas ist, was passiert dann? Wer kommt an die Daten? Und wie? Schließlich wissen wir oft selbst nicht einmal mehr, wo wir uns einst angemeldet haben. Oder welche Passwörter wir dafür verwendet haben. „Jeder“, so schätzt Sabine Landes, „hat heute etwa fünf wirklich wichtige Accounts. Oftmals schon alleine drei E-Mail-Adressen.

Bankgeschäfte werden im Internet erledigt, geshoppt und ersteigert wird im Netz. Der Stromanbieter schickt die Rechnung nur noch online. „Es ist also nicht nur eine Imagefrage, sondern es geht auch darum, welche Verpflichtungen nach dem Tod eines Menschen offen bleiben.“

Aber „verrotten“ Daten im Netz nicht irgendwann einmal, wenn sie zu lange ungenutzt bleiben? „Das kommt ganz darauf an“, sagt die Expertin. „Aber das ist auch nicht immer gewünscht.“ Dabei denkt sie an Fotografen, die ihre künstlerisch wertvollen Bilder oder einfach Zeitzeugnisse ins Netz gestellt haben. An die Blogger-Kultur „mit oft tollen und auch wichtigen Inhalten, die mittlerweile fast wie Lexika sind“. Autoren, die Archive angelegt haben, die für Wissenschaft und Forschung von Bedeutung sein könnten. Und selbst Gespräche, die via Mail und Chat geführt worden, können für die Nachwelt wichtig sein.

Was weiß das Netz überhaupt über mich?

Das Interesse ist groß, wird immer größer, merkt Landes bei ihren Vorträgen – wie zuletzt auf der Digital-Konferenz re:publica in Berlin. Auch auf der Web Week, die vom 15. bis 22. Mai 2017 in Nürnberg stattfindet, gibt es dazu am 18. Mai eine Frage-Session im Josephs.

Sabine Landes und Dennis Schmolk auf der re:publica 2017. Foto: Katrin Baumer

Landes, die selbst über eine Bitkom-Studie auf das Thema stieß, rät, sich selbst zu googeln, um zu erfahren, was das Netz über einen weiß. Der nächste – etwas aufwendigere Schritt – sei, alte E-Mails zu durchforsten, um so herauszufinden, wo man sich überall angemeldet haben könnte. Wie man seine Daten verwaltet, sei allerdings sehr individuell. „Da muss man die Methode finden, die einem am ehesten entspricht – handschriftlich oder ebenfalls auf dem Computer.“

Doch es geht nicht nur darum, selbst einen Überblick über die im Netz verstreuten Daten zu gewinnen, sondern sich zu fragen, wem man diese hinterlässt. Hinterlassen möchte. Den Eltern, die über die Basics am Computer nicht hinausgekommen sind? Oder den Freunden? Soll jedem alles zugänglich sein?

„Eine Möglichkeit wäre, beizeiten zu verfügen, wer sich um was kümmern soll.“ Die Freunde vielleicht um die Social Media Accounts und den Internet-Blog, enge Angehörige um die finanziellen Belange. Alle notwendigen Daten könnte man in einem „Nachlass-Ordner“ sammeln – samt den Wünschen, die man für den Fall der Fälle hat. Dieser Ordner kann natürlich sowohl analog als auch digital auf dem Computer sein – und separat noch einmal abgesichert. „Doch am besten ist es ohnehin, mit den Menschen in seinem Umfeld darüber zu reden“, bringt es Landes auf den Punkt.

Logo: digital.danach

Zudem würde sie jedem „einen Passwort-Manager ans Herz legen“. Dabei handele es sich um ein kleines Programm, auch offline zu nutzen, auf dem sich alle Anmeldedaten verwalten lassen. Die wiederum seien mit nur einem einzigen Passwort – dem „Master-Passwort“ – geschützt. Das ebenfalls schriftlich niedergelegt werden sollte – „und zwar so, dass es auch gefunden wird“.

Nicht zuletzt entdecken immer mehr Unternehmen das Thema für sich und bieten  inzwischen eine Reihe von Dienstleistungen an, weiß Landes. So kann man etwa seine Daten hinterlegen, die im Todesfall jeweils bestimmten Menschen zugänglich gemacht wird. „Dann gibt es den sogenannten ,dead man switch‘ – der von Zeit zu Zeit eine Abfrage startet, ob es einen noch gibt. Bevor er alle Daten löscht, wenn man nicht reagiert hat.“ Eine Option wohl für jene, die an Sabine Landes herantreten, um diskret zu erfahren, wie im Ernstfall ein Teil ihrer Korrespondenz sowie die Registrierung auf bestimmten Seiten für immer unauffindbar bleiben …