Coding Bootcamp

Zahlen, Buchstabencodes und Algorithmen #Bootcamptagebuch

Journalisten haben es nicht so mit Zahlen, sagt man gern. Dabei gibt es immer mehr Angehörige der Zunft, die sich dem Datenjournalismus verschreiben, Datenbanken nach nützlichen Informationen durchforsten oder eigene Webseiten bauen. Das wollen nun auch zehn junge Journalistinnen und Journalisten beim Coding Bootcamp der katholischen Journalistenschule ifp in München lernen. Eine von ihnen ist Stefanie Eisenreich, Stipendiatin des MedienNetzwerk Bayern. Sie berichtet exklusiv vom ersten Coding-Wochenende.

Freitag, 07.04.2017

Stefanie auf dem Weg zum Coding Bootcamp. Foto: privat

Es ist 7 Uhr morgens am Flughafen Charles de Gaulles in Paris. Ich bin auf dem Weg nach München und trotz Schlafmangels gespannt darauf, was mich erwartet. Ich drücke meinen Kopf gegen das Fenster des Flugzeugs und wache erst bei der Landung wieder auf.

Um 11 komme ich schließlich, nach zusätzlicher Bahn- und Busfahrt, in der katholischen Journalistenschule in München ifp, an.

Drei Tage programmieren erwarten mich hier. Drei Tage intensives Coding Bootcamp, dem ersten seiner Art für Journalisten in ganz Deutschland, versichert uns zu Beginn Bernhard Remmers, journalistischer Direktor des ifp.

Zugegeben, ich bin stolz, als Stipendiatin des MedienNetzwerk Bayern dabei sein zu dürfen! Ein Blick ins Programm und mir raucht bereits der Kopf, aber ich bin neugierig und will endlich loslegen!

„Eine Multimedia-Reportage kann noch so gut sein, wenn das Webdesign nicht passt!“

 

Es ist 14 Uhr und Carolin von Eichhorn, selbst ausgezeichnete freie Journalistin, führt uns am Nachmittag in die Welt der Multimediareportage ein. Was da alles möglich ist, wenn man sich ein bisschen auskennt, ist beeindruckend. Danach sind wir dran und stellen unsere eigenen Projektideen vor, die wir im Laufe der vier Wochenenden und in den nächsten Monaten im Selbststudium umsetzen wollen.

Ich denke da an die Weiterentwicklung meines eigenen Blogmagazins oder aber ein Projekt, bei dem ich Lehre und Journalismus verbinden kann. Vielleicht eine Seite für meine zukünftigen Studenten in Paris, mit denen ich gerne eine Unizeitung machen möchte? Manche wollen eine eigene Webseite aufbauen, andere datenjournalistische Projekte oder Multimediareportagen umsetzen. Die Ideen sind vielseitig, aber noch wissen wir nicht, was da so alles möglich ist.

Hello World!

Michael Haas hilft den Journalisten bei ihren ersten Programmier-Schritten. Foto: Stefanie Eisenreich

Wir entdecken die Kommandozeile! Es geht los. Michael Haas, Informatiker und Datenjournalist beim Merkur und der dpa, geht mit uns die ersten Schritte auf dem Weg zum Programmieren. „Hallo Welt! Ich bin da und es funktioniert!“ steht da auf der ersten Folie. Nette Begrüßung, aber ich weiß aus eigener Erfahrung bereits, wie oft man sich beim Basteln von Webseiten die Haare rauft, weil wieder irgendwas hakt. Das wird sicher auch an diesem Wochenende nicht anders sein. Aber für den Anfang geht alles gut.

Für das Wochenende gibt Michael uns noch ein Zitat von Steve Jobs mit auf den Weg: „Everybody in this country should learn to program a computer … because it teaches you how to think.” (Jeder sollte lernen, einen Computer zu programmieren, denn es lehrt dich das Denken.)

Das Abendessen um 18 Uhr ist typisch deutsch: Schwarzbrot mit Käse, Wurst, Schmierkäse und Salat. Ich freue mich. Es ist schön, mal wieder in der Heimat zu sein! Das kennt ja so ziemlich jeder Deutsche, der im Ausland lebt. Da kommt einfach kein Brot an das deutsche Schwarzbrot ran und schon gar nicht das französische Baguette! (Die Franzosen mögen mir an dieser Stelle meinen kurz aufkeimenden Patriotismus verzeihen …)

Samstag, 08.04.2017

Es ist 9 Uhr und ein Blick ins Programm verrät mir: Wir haben heute viel vor. Zunächst aber jonglieren wir mit Bits und Bytes. Ich bin begeistert, ich verstehe, von was Michael da erzählt
und wie man Nullen und Einsen in Zahlen umrechnet. Juhu! Der Tag fängt gut an!

Rauchende Köpfe an Tag zwei. Foto: Stefanie Eisenreich

Kurz danach sprechen wir auch schon über HTML und basteln eine Testseite. Ich bin die Frau für die dummen Fragen und erfahre, dass Python eine Programmiersprache ist. Aha! Doch doofe Fragen gibt es nicht  und Petra, Stipendiatin des ifp und freie Journalistin beim SWR und ZDF, sagt mir in der Pause, sie sei ja froh gewesen, als ich danach gefragt habe. Auch Thomas vom Bischofstum Münster hat sich nicht getraut, nachzuhaken. Ich bin beruhigt und anscheinend nicht die Einzige, die ab und an nur Bahnhof versteht.

Wir arbeiten weiter mit der Kommandozeile. Als Michael uns erklärt, wie man den Schlüssel für die Arbeit mit gitlab über die Kommandozeile importieren kann, hakt es. „Haben alle permission denied?“ fragt er. „Scheiße!“ Es ist schon beruhigend, dass auch er manchmal ein bisschen verloren ist. Alsbald findet er aber auch schon die Lösung für das Problem.

16 Uhr – kein Kaffee!

Wie? Es gibt keinen Kaffee mehr? Die Wahlfranzösin in mir ruft „Skandalös!“ Die Kaffeemaschine in der Kantine ist aus und mein Kopf qualmt, also versuche ich es mit einem dieser koffeinhaltigen Schokoriegel am Empfang. (Später stelle ich fest, dass im Gang noch ein anderer funktionierender Kaffeeautomat steht.) Weiter im CSS. Meine französische Tastatur streikt mal wieder, ich komme nicht hinterher. Panik! Ich weiß nicht mehr, wie‘s geht! Wo sind wir gerade? Filezilla? Und welchen Ordner muss ich jetzt hier rüber ziehen? Wie kann ich hier im CSS nochmal eingeben, dass das Bild jetzt als Hintergrundbild auftauchen soll? Leise Verzweiflung, doch dann: Es funktioniert!!! Ein Erfolgserlebnis!

Nach dem Abendessen um 19 Uhr gibt es zu Bier und Tee eine kurze Austauschrunde mit Vanessa Wormer, Datenjournalistin bei der Süddeutschen Zeitung und ausgezeichnet für ihre Arbeit an den Panamapapers.  Sie gibt uns einen Einblick, wofür coden im Journalismus eigentlich gut sein kann. Das Wichtigste, sagt sie, sei es, dran zu bleiben, sich mit anderen Datenjournalisten zu vernetzen und vor allem nicht davon auszugehen, dass wir nun alle kleine Informatiker werden.

Sonntag, 09.04.2017

Viel Input beim ersten Coding Bootcamp-Wochenende. Foto: Stefanie Eisenreich

Das Wochenende vergeht schnell. Die letzten Stunden des ersten Wochenendes lernen wir letzte Kniffe für das Erstellen responsiver Webseiten und wenden uns schließlich zum Abschluss noch der Abfragesprache SQL zu. Schon Excel-Tabellen waren immer ein Graus für mich, da soll ich jetzt auch noch mit Datenbanken jonglieren? Meine grauen Gehirnzellen sind langsam randvoll gefüllt und auch Anna vom Südkurier in Konstanz sagt beim Eis in der Mittagspause, dass sie langsam ganz schön voll sei. Trotzdem bin ich begeistert, welche Inhalte sich über komplexe Daten in unübersichtlichen Tabellen erschließen lassen. Man muss nur wissen, wie es geht!

Müde, aber begeistert fliege ich nach diesem ersten Wochenende schließlich nach Paris zurück, in der Hoffnung, dass ich bis zum nächsten Wochenende nicht alles wieder vergessen habe …

 

Von Stefanie Eisenreich