Medientage Special

„Medienhäuser brauchen die Fähigkeit, trotz Unsicherheit zu handeln“

Nimmt man sich den Vortrag von Dirk von Gehlen auf dem Medientage Special zu Herzen, sieht die Grundvoraussetzung für jede Innovation so aus: ¯\_()_/¯. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ als Motto von Innovationskultur für Medienhäuser? Eine Meinung, die am 23. März im Haus der Bayerischen Wirtschaft nicht nur der Leiter für den Bereich Social Media und Innovation der Süddeutschen Zeitung vertrat.

Manfred Klaus, Sprecher der Plan.Net Gruppe betonte: „Wir müssen uns davon verabschieden, in Zukunft alles zu verstehen.“  Das sei weder möglich, noch notwendig. Denn obwohl die Begrifflichkeit „digitale Transformation“ suggeriert, dass irgendwann ein Ende erreicht ist, sei das ja nicht der Fall.

Vor dem Hintergrund der ständigen Entwicklung sei es für Unternehmen wichtig, „eine gewisse Hektik zu entwickeln“, so Gerrit Rabenstein, Head of Strategic Relation News und Publishers bei Google Germany. Es sei an der Zeit, die Comfort Zone zu verlassen und in einer Welt, in der sich Trends immer schneller generieren, permanent zu überprüfen, wohin die Zukunft führen könnte.

Neue Geschäftsmodelle entwickeln

Jens Leyh, Foto: Medientage München

In seiner Keynote erklärte Jens Leyh, Leiter des Competence Center Innovationsmanagements beim Fraunhofer Institut in Stuttgart, dass Innovation vor allem bedeute, bestehende Geschäftsmodelle neu zu denken, um Technologien überhaupt sinnvoll einsetzen zu können. Diese passen oft nicht mehr zu althergebrachten Vorgängen. „Der zentrale Punkt ist: Wie gehe ich strategisch mit neuen Technologien um?“, appellierte Leyh.

Vor allem sei Raum für Experimente notwendig, der Mut, Regeln zu brechen und der Wille zur Vernetzung mit Partnern, die durch Fähigkeiten und Erfahrung das eigene Unternehmen voranbringen können.

Unternehmen der zwei Geschwindigkeiten

Wie aber lassen sich diese Theorien in die Praxis umsetzen? Müssen sich Medienunternehmen komplett neu aufstellen, Bestehendes zurücklassen, alternative Geschäftsmodelle entwickeln? Vielmehr, so Jens-Uwe Meyer, Geschäftsführer bei Innolytics, sei ein „Unternehmen der zwei Geschwindigkeiten“ notwendig.

Jens-Uwe Meyer, Foto: Medientage München

Dafür brauche man Mitarbeiter, die das bestehende Geschäft am Laufen halten und damit „Leuten, die Änderungen lieben“, Raum für Experimente geben. Sonst seien Medienhäuser zwar bereit, Änderungen zuzulassen, aber nicht in der Lage, sie umzusetzen.

„Medienhäuser brauchen die Fähigkeit, trotz Unsicherheit zu handeln und mit Anbietern zusammenzuarbeiten, die ganz anders ticken“, so Meyer. Dazu kommt, Scheitern nicht zu fürchten und als Chance zur Weiterentwicklung zu sehen, ergänzte Wolfram Winter, Executive Vice President Communications & Public Affairs bei Sky Deutschland: „Der Fehler gehört zum System.“

Das bestätigte Oliver Eckert, CEO von Burda Forward. So habe Burda zum Beispiel sogenannte Fuckup-Nights eingeführt. Diese widmen sich Projekten, die nicht funktioniert haben und analysieren, was aus dem Scheitern gelernt werden kann.

Was die Unternehmen der zwei Geschwindigkeiten betrifft, vertrat Eckert eine klare Meinung: Für Innovation sei eine strikte Trennung von bestehenden Geschäften notwendig, dazu flache Hierarchien und eine transparente Unternehmenskultur. Eine solche Kultur entspricht der Unternehmenskultur von Startups: Diese sind in der Lage, spontan Entscheidungen zu treffen und schnell zu handeln. Gruner+Jahr etwa nutzt diese Stärke durch Partnerschaften mit vielversprechenden jungen Unternehmen, erzählte Managing Director Growth Projects & Strategic Partnerships Oliver von Wersch.

Manfred Klaus, Oliver von Wersch, Gerrit Rabenstein, Svenja Teichmann, Eun-Kyung Park, Wolfram Winter, Foto: Medientage München

Costumer first

Größtmögliche Transparenz war für Eun-Kyung Park, Geschäftsführerin Sales der SevenOne AdFactory, zudem ein wichtiges und notwendiges Mittel, um eine Unternehmenskultur der zwei Geschwindigkeiten für die Mitarbeiter nachvollziehbar zu machen und Unsicherheiten gegenüber dem Neuen abzubauen. Wenn die Mitarbeiter verstehen, wohin die Reise geht, hilft das, Ängste zu zerschlagen.

Was bei aller Innovation nicht aus den Augen verloren werden darf, sind die Bedürfnisse des Kunden. Denn nach wie vor gilt das Prinzip: „Costumer first“.

Und auch die Freude am Scheitern nützt innovativen Medienhäusern nichts, wenn nicht gleichzeitig gefragt wird: Was können wir aus diesem Scheitern lernen? Man müsse strategisch scheitern, betonte Dirk von Gehlen, nach dem Prinzip Trial and Error: „Einfach nur Fehler machen, hilft niemandem.“

Aber was hat nun das Emoji „Shruggie“ mit all dem zu tun? ¯\_(ツ)_/¯ Er ist für von Gehlen die Grundhaltung für innovatives Denken: „Wir sind viel zu stark davon geprägt, was wir gelernt haben. Was man als Wahrheit mit sich trägt, sollte man jedoch ständig hinterfragen.“