Cliqz

„Das Internet könnte ein wunderbarer Ort sein“

Der Münchner Browser Cliqz bietet eine Alternative zu datenhungrigen Playern wie Google, Bing oder Yahoo – mit eigener Suchfunktion und Anti-Tracking Lösungen. Mit der Übernahme des amerikanischen Software-Anbieters Ghostery treibt das Münchner Technologieunternehmen Cliqz seine Internationalisierung voran.

Tracker, Tags oder Cookies – die heimlichen Datensammler des Web haben viele Namen. Gut getarnt lauern sie Usern auf und holen sich digitales Futter. Klicks, Scrolls und Suchbegriffe heißen die Zutaten für den Datenmix, der das Profil der Nutzer abbilden soll. Such- und Kaufverhalten, Interessen, Reisepläne, sexuelle Orientierung, sogar Kontodaten, kurzum: Wertvolle Informationen für Internetwerber oder Hacker. Die Folge: Der User wird zum Kunden, der Suchende zum Gesuchten.

Ein Browser made in Bavaria

Die Münchner Cliqz GmbH, eine Beteiligung von Mozilla und Hubert Burda Media, setzt sich bereits seit 2008 gegen die Kommerzialisierung und für die Rechte der User ein – mit großem Erfolg. Heute arbeiten mehr als 100 IT-Experten aus knapp 30 Ländern in der bayerischen Landeshauptstadt an Software-Innovationen und Anti-Tracking-Lösungen.

Jean-Paul Schmetz Foto: Cliqz GmbH

Was bisher dabei herauskam? Unter anderem ein Browser made in Bavaria, der das Abgreifen von Daten durch Dritte verhindert und selbst auf das Sammeln persönlicher Daten verzichtet. Eine im Browser integrierte Schnellsuche mit eigenem Web-Index erspart bei einfachen Suchabfragen den Umweg über Suchmaschinen-Ergebnisseiten wie Google, Bing oder Yahoo. Und ein Drop-Down-Fenster präsentiert bereits während der Eingabe eines Suchbegriffs die drei am häufigsten ausgewählten Ergebnisse. Damit stellt Cliqz eine der wenigen unabhängigen Alternativen zu den datenhungrigen Playern aus dem Silicon Valley dar.

Unterstützung vom Big Apple aus

Durch die Übernahme von Ghostery erhöht das Unternehmen nun seine Schlagkraft. Seit Februar gehört Cliqz sowohl die Marke als auch das Privatkundengeschäft von Ghostery – samt Produkten, Nutzerbasis und einem Team mit Standort in New York. Die Anti-Tracking-Spezialisten unterstützen die Münchner fortan vom Big Apple aus.

„Mit der Kombination aus Algorithmus- und Blocklist-basierten Methoden heben wir die Messlatte an“, erklärt Jean-Paul Schmetz, Gründer von Cliqz. „Die Übernahme von Ghostery und 10 Millionen Nutzern aus aller Welt ist ein großer Schritt auf unserem Weg zu einem internationalen Datenschutz-Technologieführer.” Das Anti-Tracking-Tool Ghostery blockiert Trackingversuche, löscht Datenmüll und beschleunigt dadurch die Ladezeiten der Websites. Außerdem können die Nutzer des Cliqz-Browsers dank des integrierten Tools nachvollziehen, welche Unternehmen sie zu tracken versuchen.

Marc Al-Hames Foto: Cliqz GmbH

Neben der Technologie scheint es vor allem die gemeinsame Philosophie zu sein, die Ghostery und Cliqz verbindet. Marc Al-Hames, Geschäftsführer von Cliqz, weist auf die Schieflage im Web hin: „Das Internet könnte ein wunderbarer Ort sein, an dem sich Händler, Werbetreibende, Publisher und Konsumenten zum gegenseitigen Nutzen auf Augenhöhe begegnen. Das ist natürlich eine Utopie. Dennoch wollen wir versuchen, diejenigen in die Schranken zu weisen, die persönliche Daten schamlos für kommerzielle Zwecke ausbeuten.“

„Put the user first“

Ghostery-Nutzer profitieren nach dem Betreiberwechsel von den strikten Datenschutzbestimmungen in Deutschland. Beim Surfen mit dem Cliqz-Browser haben sie zudem die Wahl, ob sie anonyme statistische Daten zur Verfügung stellen möchten, um die Schnell-Suchfunktionen des Browsers zu verbessern.

Mithilfe dieser Human Web-Technologie können Algorithmen die Sicherheit und Relevanz besuchter Webseiten bewerten. Das Sammeln von personenbezogenen Nutzerdaten sei dafür nicht notwendig, so das Unternehmen. „Put the User first“ heißt das Credo der Münchner. Browser und Suche sollen im Dienst der Nutzer stehen, nicht umgekehrt.

Big Data und Privatsphäre im Einklang

„Wer in Zukunft Geld im Internet verdienen möchte, muss akzeptieren, dass viele User die Kontrolle über ihre Daten zurückerobern wollen“, betont Marc Al-Hames. „Die Industrie sieht sich zunehmend emanzipierten Nutzern gegenüber, die selbst darüber entscheiden möchten, was sie wann von sich preisgeben.“ Anti-Tracking-Tools erfreuen sich deshalb immer größerer Beliebtheit. Cliqz ist bemüht, das Web vom Nutzer her zu denken und zieht aus diesem Grund eine Grenze zwischen datenbasierter Suchmaschinenoptimierung und Profilerstellung. Das Ziel: Big Data und Privatsphäre im Einklang.

 

Die Cliqz-Browser für Windows, Mac, Linux, Android und iOS sowie die Erweiterung für Firefox gibt es zum Download.

Ghosterys kostenlose Browser-Erweiterungen für Chrome, Firefox, Edge, Internet Explorer, Safari und Opera sowie die Apps für Android und iOS können hier heruntergeladen werden.

Von Denis Heuring